71 .-- .WARBURG, A.-Sandro Botticellis "Geburt der Venus" und
"Frühling" . Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der
Antike in der italienischen Frührenaissance. (Frankfurt) ,1892. 4to .
49 pp. mit 8 Abb. Orig. Umschlag =Inaug.Diss. f 45.
Ulrich Middeldorf
All
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^kmm BOTTICELLIS
„Geburt der Venus"
UND
„Frühling."
EINE UNTERSUCHUNG
ÜBER DIE VORSTELLUNGEN VON DER ANTIKE IN DER
ITALIENISCHEN FRÜHRENAISSANCE.
VON
A. Waeburg
DK- PHIL.
MIT 8 ABBILDUNGEN.
HAMBURG UND LEIPZIG.
VERLAG VON LEOPOLD VOSS.
1893.
THE GET7Y CENTER
LIBRARY
HUBERT JANITSCHEK
UND
ADOLF MICHAELIS
IN DANKBARER ERINNERUNG IHRES GEMEINSAMEN WIRKENS
GEWIDMET.
a
Vorbemerkung.
In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch gemacht, zum Ver-
gleiche mit den bekannten mythologischen Bildern des Sandro Botticelli,
der „Geburt der Venus" ^) und dem „Frühling" ^) die entsprechenden Vor-
stellungen der gleichzeitigen kunsttheoretischen und poetischen Litteratur
heranzuziehen um auf diese Weise das, was die Künstler des Quattrocento
an der Antike „interessirte", klarzulegen.
Es lässt sich nämlich hierbei Schritt für Schritt verfolgen, wie
die Künstler und deren ßerather in „der Antike" ein gesteigerte äussere
Bewegung verlangendes Vorbild sahen und sich an antike Vorbilder an-
lehnten, wenn es sich um Darstellung äusserlicli bewegten Beiwerks —
der Gewandung und der Haare — handelt'e.
Nebenbei sei bemerkt, dass dieser Nachweis für die psychologische
Aesthetik deshalb bemerkenswerth ist, weil man hier in den Kreisen der
schaffenden Künstler den Sinn für den ästhetischen Akt der „Einfühlung"
in seinem Werden als stilbildende Macht beobachten kann. ^)
1) Florenz, Uffizi, Sala di Lorenzo Monaco No. 39, vgl. Abb. 1. Klassischer
Bilderschatz III, p. VIII No. 307.
Ebend. Akademie, Sala Quinta, No. 26. A7. B. I, p. X No. 140.
3) Vgl. ß. Vischer, Das Optische Formgefühl, 1873, dazu F. Th. Vischer
Das Symbol, in d. Philos. Aufs. f. Zeller 1887, v. p. 153 ab.
ERSTER ABSCHNITT.
„DIE GEBÜßT DER VENUS."
Die „Geburt der Venus", das kleinere der beiden Gemälde sah
Vasari^) zusammen mit dem „Frühling" in des Herzogs Cosimo Villa
Castello: „Per la cittä, in diverse case fece tondi di sua mano, e femmine
ignude assai; delle qiiale oggi aucora a Castello, villa del Duca Cosimo
sono due quadri figuraii l'uno Venere che nasce, e quelli aure e venti che
la fa,nno venire in terra con gli amori; e cosi un'altra Venere, che le
Grazie la fioriscono, dinotando la Prima vera; le quali da lui' con grazie si
veggono espresse,"
Der italienische Catalog der Uffizi giebt folgende Beschreibung: „La
uascita di Venere. La Lea sta uscendo da una conchiglia nel mezzo del
mare. A sinistra sono figurati due Venti che volando sulle onde spingono
la Dea presso la riva ; a destra e una giovane che rappresenta la Primavera.
T. grand nat." ^)
Zwei verschiedene Dichtungen sind in der neuesten kritischen Litte-
ratur zum Vergleiche herangezogen worden; J;il. Meyer in dem Text
zum Berliner Galleriewerk '^j verweist auf den Homerii^chev Hiimnus:
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass Botticelli die antike Schilderung der
Geburt der Venus im zweiten Homerischen Hymnus auf Aphrodite
gekannt und seiner Darstellung zu Grunde gelegt hat. Schon im
Jahre 1488*) wurden die Homerischen Hymnen aus einer Floren-
tiner Handschrift durch den Druck veröffentlicht, und es ist daher
anzunehmen, dass ihr Inhalt schon einige Zeit vorher in den
Florentiner Humanistenkreisen und speziell dem klassisch gebil-
deten Lorenzo bekannt war."
') Vasari Milanesi III, 312.
-) 1881, p. 121; genauere Maassangabe fehlt; auch im Text zum klassischen
Bilderschatz sind keine Maasse angegeben.
■'') „Die Florentinische Schule des XV. Jahrhunderts," Berlin. 1890, p. Anni.
Aiich Woe rmann, Sandro Botticelli p. 50 bei Dohme, Kunst und Künstler, 1878.
II. XLIX. hatte ihn als Analogie angeführt.
Die Vorrede abgedruckt lici Ber. Botfield, Praefationes ot Epistolao editio-
nibus Principibus prnepositae. Cambridge, 1801, p. 180.
Warlmi-K. 1
— 2 —
Andrerseits bemerkt Gaspary in seiner Italienischen Litteratnrgeschichte,^)
dass die Beschreibung eines Reliefs in Angelo PoUzianos Giostra, die
„Geburt der Venus" vorstellend,^; mit Botticellis Bild Ähnlichkeit habt
Beide Hinweise geben einen Fingerzeig nach derselben Richtung, da
Polizian sich in der angeführten Beschreibung an den Homerischen Hymnus
auf Aphrodite anlehnte.
Die naheliegende Vermuthung, dass eben Polizian, der gelehrte
Freund des Lorenzo de' Medici — für den Botticelli ja auch nach dem
Zeugnis des Vasari eine Pallas malte ^) — • dem Botticelli das Concetto
übermittelte, wird durch die in Folgendem nachzuweisende Thatsache zur
Gewissheit, dass der Maler in denselben Dingen wie der Dichter vom
Homerischen Hymnus abweicht.
Polizian denkt sich eine Reihe von Reliefs, als Meisterwerke von
Vulcans eigener Hand in zwei Reihen an den Thorpfeilern des Venus-
palastes angebracht, das Ganze von einem Rand Ornament von Akanthus-
blättern, Blumen und Vögeln eingerahmt. Während die ersten Reliefreihen
kosmogonische Allegorien^) zum Gegenstand haben, welche in der Geburt
der Venus ihren Abschluss finden, war auf der zweiten Folge die Macht
derVenus'^) an etwa 12 klassischen Beispielen veranschaulicht. Die Geburt
der Venus, ihr Empfang auf der Erde und im Olymp werden in den
Stanzen 99 — 103 geschildert:
99 „Nel tempestoso Ejeo in grembo a Teti
Si vede il fusto genitale accolto
Sotto diverso volger di planati
Errar per l'oude in bianca schiuma avvolto;
E dentro nata in atti vaghi e lieti
Una donzella non con uman volto,
Da' zefiri lascivi spinta a proda
Gir sopra un nicchio. e par ch'el ciel ne goda.
1) Berlin 1888, II, 232. Die Giontra ist jenes Festgedicht auf das Turnier
Giulianos, welches im Jahre 1476 stattfand; die Dichtung wurde zwischen 1476 und
1478 geschrieben i^nd blieb, wegen der 1478 erfolgten Ermordung G-iulianos unvollendet.
In dem ersten Buch wird das Reich der Venus geschildert, im zweiten (u. letzten)
die Erscheinung der Nymphe, welche nach dem "Willen der Venus den rauhen .Jäger
Giuliano zur Liebe bekehren soll. Vgl. Gaspary, I.e. 228—232. G. Carduccis Aus-
gabe: Le Stanze, L'orfeo e le Eime di M. A. A. roUziano, Florenz, Barbera 1863,
(nach der hier citirt wird) unterstützte mit ihrem ausgedehnten quellenkritischen
Apparat die voi-1. Arbeit wesentlich.
2) Buch I, Stanze 99—103, Vgl. dazu Carducci 1. c. p. 56.
•') Vgl. Vas. Mil., p. 312, dazu Ulmann, Eine verschollene Athena des Sandro
Botticelli. Bonner Studien f. Keimte. Lpzg. 1890, p. 203/213.
*) 1) Die Entmannung Saturns. 2) Die Geburt d. Nymphen und Giganten. 3) Die
Geburt d. Venus. 4) Der Empfang d. Venus auf d. Erde. 5) Der Empfang d. Venus
im Olymj). 6) Vulcan selbst.
^) 1) Die Entführung d. Europa. 2) Jupiter als Schwan, Goldregen, Schlange und
Adler. 3) Neptun als "Widder und Stier. 4) Saturn als Ross. 5) Apoll. Daphne ver-
folgend. 6) Die verlassene Ariadne. 7) Die Ankunft d. Bacchus, und 8) seines Gefolges.
9; Der Raub der Proserpina. 10) Heracles als "Weib. 11; Polifemos und 12) Galathea.
— 3 —
100 Vera la schiuma e vero il mar diresti,
E vero il nicchio, ver soffiar di venti:
La dea negli occlii folgorar vedi'esti,
E'l ciel ridergli a torno e gli elementi:
L'Ore premer l'arena in bianche vesti;
L'aura incresparle e' crin distesi e lenti:
Non una non diversa esser lor faccia,
Come par che a sorelle ben confaccia.
101 Giiirar potresti che deU'onde uscisse
La Dea premendo con la destra il crino,
Cou l'altra il dolce pomo ricoprisse;
E, stampata dal pie sacro e divino,
D'erbe e di fior la reiia si vestisse;
Poi con sembiante lieto e peregrino
Dalle tre ninfe in grembo fusse accolta,
E di stellato vestimento in volta.
102 Questa con ambe man le tien sospesa
Sopra l'umide trecce una ghirlanda
D'oro e di gemme orientali accesa:
Questa una perla agli orecchi accomanda:
L'altra al bei petto e bianchi omeri intesa
Par che ricchi monili intorno spanda,
De' quai solean cerchiar lor propre gole
Quando nel ciel guidavon le carole.
103 Indi paion levate in ver le spere
Seder sopra una nuvola d'argento:
L'aer tremante ti parria vedere
Nel duro sasso, e tutto '1 ciel contento ;
Tutti Ii dei di sua beltä godere
E del felice letto aver talento;
Ciascun sembrar nel volto meraviglia,
Con fronte crespa e rilevate ciglia."
Daneben halte man die Schilderung des Homerischen Hymnus : ^)
„Aphrodite die schöne, die züchtige will ich besingen,
Sie mit dem goldenen Kranz, die der meerumflossenen Kypros
Zinnen beherrscht, wohin sie des Zephyros schwellender Windhauch
Sanft hintrug auf der Woge des vielaufrauschenden Meeres
Im weichflockigen Schaum ; und die Hören mit Golddiademen
Nahmen mit Freuden sie auf, und thaten ihr göttliche Kleider
An, und setzten ihr ferner den schön aus Golde gemachten
Kranz aufs heilige Haupt, und hängten ihr dann in die Ohren
Blumengeschmeide aus Erz und gepriesenem Golde verfertigt.
') In der Uebersetzung von Schwenck. Frankfurt, 1825.
1*
— 4 —
Aber den zierlichen Hals und den schneeweiss strahlenden Busen
Schmückten mit goldener Ketten Geschmeide sie, welche die Hören
Selber geschmückt, die mit Gold iimkränzeten wenn zu der Götter
Anmuthseeligem Reihn und dem A'aterjjalaste sie gingen."
Die Handlung in dem italienischen Gedicht ist, wie man sieht, im
Ganzen durchaus vom homerischen Hymnus bestimmt; hier wie dort wird
die aus dem Meere aufsteigende Venus vom Zephyrwind an das Land
getrieben, wo sie die Göttinnen der Jahreszeiten empfangen.
Die eigenen Zuthaten Polizians beziehen sich fast nur auf die Aus-
malung der Einzelheiten und des Beiwerks, bei deren genauen Angabe
der Dichter verweilt, um durch die Fiction einer bis ins Kleinste gehenden,
treuen Wiedergabe die überraschende Naturwahrheit der geschilderten
Kunstwerke glaubhaft zu machen. Diese Ziisätze sind etwa folgende :
Mehrere Winde, deinen Blasen man sieht („vero il soffiar di venti"),
treiben die Venus, welche in einer Muschel steht („vero il nicchio") an
das Ufer, wo sie die drei Hören empfangen und sie (aiisser mit den Ketten
und Halsbändern, von denen auch der homerische Hymnus erzählt) mit
einem „Sternenmantel" bekleiden. Der Wind spielt in den weissen
Gewändern der Hören und kräuselt ihr herabwallendes, loses Haar.
(I. 100.4 — 5.) Gerade dieses durch den Wind bewegte Beiwerk bewundert
dei- Dichter als täuschende Leistung einer virtuosen Kunstübung:
100, 2 . . . . „e ver soffiar di venti"
100, 3 „vedresti"
100, 4 „L'Ore premer l'arena in bianche vesti
L'aura incresparle e'crin disteri e lenti"
103, 3 „L'aer tremante ti parria vedere
Nel duro sasso . . . ."
Ebenso wie in dem Gedicht geht die Handlung auch auf dem Ge-
mälde vor sich, nur dass, abweichend von der Dichtung, auf dem Bilde
Botticellis die auf der Muschel stehende Venus mit der ß. (anstatt mit
der L.) die Brust bedeckt, mit der L. ihr langes Haupthaar an sich haltend,
und dass, statt der drei Hören im weissen Gewände, die Venus nur eine
weibliche Gestalt im bunten, blumenbedeckten, von einem Rosenzweig
umgürteten Gewände empfängt. Dagegen kehrt jene Polizianische ein-
gehende Ausmalung des bewegten Beiwerks mit solcher Ueber-
einstimmung wieder, dass ein Zusammenhang zwischen den beiden Kunst-
werken sicher anzunehmen ist.
Da sind auf dem Bilde nicht nur die zwei pausbackigen „Zefiri",
„deren Blasen man sieht", sondern auch die Gewandung und das Haar der
') üeber deren Beziehung zur Medicäischen Venus .sind zu vergleichen : Mio, h a e 1 i s,
Arch. Zffj. 1880, p. 13 ff. und Kunsfchrovik 1890, Sp. 297/301, ferner Müntz, Hi.st. de
l'Art pend. la Ren. (1889) 224/225. Dazu müsste man noch eine Illustration aus dem
Ms. Plnt. XLI, cod. 33 der Laurenziana zu einem Gedicht des Lorenzo de' Mo-
di ci f. 31 heranziehen. Vgl. Vas. Milanesi 111,3.30. Zu den Epigrammen des Polizian
über die „Geburt der Venus" vgl. del Lungo, Proso volgari inedite e Poesie latine e
greche edite e inedite di A. A. Poliziano, Ploi-enz, Barbera 1807, p. 219.
— 5 —
am Ufer stehenden Göttin wellt im Winde und auch das Haar der Venus
flattert, wie der Mantel, mit dem sie bekleidet werden soll, im Winde.
Beide Kunstwerke sind eine Paraphrase des homerischen Hymnus ; aber
in der Dichtuiig Polizians finden sich noch die drei Hören, welche
auf dem Bilde in eine zusammengezogen sind.
Damit ist die Dichtung als die zeitlich vorausgehende, dem Vorbilde
näher stehende Verarbeitung gekennzeichnet, das Gemälde als die spätere,
freiere Fassung. Ist ein direktes Abhängigkeits- Verhältnis anzunehmen,
so war demnach der Dichter der Geber und der Maler der Empfänger. ^)
In Polizian den Berather Botticellis zu sehen, passt auch zu der Ueber-
lieferung, die Polizian als Inspirator Raffaels und Michelangelos gelten lässt.''')
Die auffallende, im Gedicht und im Gemälde gleichermaassen hervor-
tretende Bestrebung, die transitorischen Bewegungen in Haar und Gewand
festzuhalten, entspricht einer seit dem ersten Drittel des XV. Jahrhunderts
in Oberitalienischen Künstlerkreisen herrschenden Strömung, die in Albertis
lihei- de pictura ihren prägnantesten Ausdruck findet. * )
Schon Springer verwies auf diese Stelle,^) gerade im Hinblick auf
die Windgötter Botticellis bei der Geburt der Venus, und auch Robert
Vischer hat sie in seinem Luca Signorelli, ") herangezogen. Sie lautet:
„Dilettano nei capelli, nei crini, ne' rami frondi et vesti vedere
qualche movimento. Quanto certo ad me place nei capelli vedere quäle
10 dissi sette movimenti' volgansi in uno giro quasi volendo anodarsi et
ondeggino in aria simile alle fiamme, parte quasi come serpe si tessano fra
11 altri, parte crescendo in qua et parte in lä. Cosi i rami ora in alto si
torcano, ora in giu, ora in fuori, ora in dentro, parte si coiitorcano come
funi. A medesimo ancora le pieghe facciano; et nascano le pieghe come
al troncho dell' albero i suo' rami. In questa adunque si seguano tutti
i movimenti [tale che parte niuna del panno sia senza vacuo movimento.
Ma siano, quanto spesso ricordo i movimenti moderati et dolci], piu tosto
(|uali porgano gratia ad chi miri, che maraviglia di faticha alcuna. Ma
dove cosi vogliamo ed i panni suoi sendo i panni di natura gravi et continuo
cadendo a terra, per questo starä bene in la pictura porvi la faccia del
vento Zeffiro o Austro che soffi fra le nuvole onde i panni ventoleggino.
Et quinci verrä ad quella gratia, che i corpi da questa parte percessi dal
vento sotto i panni in buona parte mostreranno il nudo, dall' altra parte
Ganz ähnlich auf der Venus Botticellis in Berlin (Catal. 1883, No. 1124) Abb.
bei Meyer 1. c. p. 49. Das Haar weht nach links, auf der Schulter liegen zwei
kleine Flechten.
Gaspary 1. c. II, p. 232 scheint an ein umgekehrtes Verhältnis zu denken.
^; Vas. Mil. VII, 143. Lud. Dolce Aretino p. 80. Quellennchr. f. Kg. II. vgl.
R. Sp ringer, Raflael und Michelangelo. 2. Aufl. 1883, II, p. 58. R. Foerster,
Farnesina-Studien 1880, p. 58. E. Müntz, Precurs. de la R. 1882, p. 207/208 schliesst
eine ausfühi-liche Analyse der Giostra mit den Worten: „en cherchant bien on
decouvrirait certainement que Raphael n'est pas le seul artiste qui s'en soit inspire."
Ueber die Beziehungen, in die Müller-Walde, Leonardo 1889, Leonardo zur Giostra
bringt, vgl. unten
*j ed. .Janitschek, QueUensclir. f. Kcj., Wien 1877, XI, p. 129 tf.
Lützow Zfbk. XIV (1879) p. 61.
") 1879, p. 157.
— 6 —
i panni gettati dolce voleranno per aria. et in questo ventoleggiare guardi
il pictore non isj^iegare alcuno panno contro il veiito."
An dieser Malerregel des Alberti haben Phantasie und Reflexion
gleichen Antheil. Einerseits freut es ihn, Haar und Gewandung in starker
Bewegung zu sehen: er lässt dann seiner Phantasie Spielraum, die dem
willenlosen Beiwerk organisches Leben unterlegt; in solchen Augenblicken
sieht er Schlangen, die sich in einander verstricken. Flammen, die empor-
züngeln, oder das Geäst eines Baumes. Andrerseits aber verlangt Alberti
von dem Maler nachdrücklich, dass er bei der "Wiedergabe solcher Motive
genug vergleichende Besonnenheit besitze, um sich nicht zu widernatür-
licher Häufung verleiten zu lassen und dem Beiwerk nur da Bewegung
mittheile, wo der Wind dieselbe wirklich verursacht haben könne. Ohne
ein Zugeständnis an die Phantasie geht es freilich nicht ab : die blasenden
Jünglingsköpfe, die der Maler anbringen soll, um die Bewegung in Haar
und Gewandung zu „begründen", sind ein rechtes Compromissproduct
zwischen anthrojiomorphistischer Phantasie und vergleichender Reflexion.
Alberti hatte sein, dem Brunellesco gewidmetes, libro della pittura
1435 abgeschlossen.-^)
Bald darauf, schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts giebt Agostino
di Duccio den Figuren der allegorischen Reliefs in dem Tempio Malatesta
zu Rimini eine bis zum Manierismus gesteigerte Bewegtheit in Haar und
Gewandung. ^) Nach Valturis Bemerkungen ^) über das Verhältnis des
Sismondo Malatesta zu den Kunstwerken in seiner Kapelle, sind Inhalt
und Form derselben als Produkte gelehrter Ueberlegungen anzusehen:
„ amplissimis praesertim parietibus, permultisque altissimis arcubus
peregrino marmore aedificatis, quibus lapideae tabulae vestiuntur, quibus
pulcherrime sculptae inspiciuntur, unaque sanctorum patrum, virtutum
quattuor, ac coelestis Zodiaci signorum, errantiumque siderum, sibillarum
deinde, musarumque, et aliarum permultarum nobilium rerum imagines,
quae nedum praeclaro lapicidae ac sculptoris artificio, sed etiam cogni-
tione formarum, liniamentis abs te acutissimo et sine ulla dubitatione
clarissmio hujus saeculi Principe ex abditis philosophiae penetralibus
sumptis, intuentes litterarum peritos, et a vulgo fere penitus alienos maxime
possint allicere."
Alberti war der Architekt der Kirche, deren Bau er bis ins einzelne
überwachte;*) der Annahme, dass er der Inspirator dieser in seinem Sinne
bewegten Gestalten war, steht nichts im Wege. Für eine der weiblichen
1) Vgl. Janitschek 1. c. p. III.
^) Besonders bei den Welten des Thierkreises und der Planeten hervortretend.
Einzelne Abbildungen bei Ch. Yriarte, Rimini, Paris, 1882. Vgl. z. B. d. Mercur (Abb.
105) p. 216 u. Mars (Abb. 107) p.217 Ueber d. Darstellungen hat neuerdings Burmeister.
Der bildnerische Schmuck des Tempio Malatestiano zu Rimini, gehandelt. Breslau,
Inaug. Diss. 1891.
3) In de re militari (1472 zuerst gedruckt). Die Stelle ist von Janitschek, Die
Gesellschaft der Renaissance, Stuttgart 1879, p. 108 beigebracht.
*) Vgl. den Brief, den er 1454 an seinen Bauführer Matteo di Pasti richtet.
Abgedr. Guhl-Rosenberg, Künstlerbriefe p. 33.
— 7 —
Figuren auf den Reliefs des Agostino di Duccio an der Facade von
S. Bernardino in Perugia hat Fr. Winter^) gerade für die bewegten
Gewandmotive bei einer weiblichen Figur auf dem obersten Relief der
Facade links auf ein antikes Vorbild — • einer vom Rücken £'esehenen
Höre — hingewiesen, die sich auf dem bekannten Krater zu Pisa^) abge-
bildet findet. Von eben jener Vase hatte auch Niccolo Pisano auf den
Kanzelreliefs des Baptisteriums zu Pisa den Dionysos entlehnt. ^) Auch
Donatello hat sich durch dieselbe Figur bei der Ausführung eines der
Apostel auf der Erzthüre von St. Lorenzo anregen lassen. Ob Donatello
nicht auch in der den Kopf etwas senkenden Höre des Pisaner Ki-aters
das Vorbild für seine kappadokische Prinzessin auf dem Relief unter der
Statue des St. Georg an Orsan Michele gefunden hatte?
Für Agostino di Duccio sind noch weitere Hinweise auf andere antike
Kunstwerke zulässig:
Winter'') findet, dass die Darstellungen aus der Geschichte des heil.
Bernhard in Perugia an die Compositionen römischer Sarkophage erinnern.
Jahn'') giebt in einer Abhandlung über die Medeasarkophage eine
Abbildung aus dem. Codex Pighianus^) in Berlin, auf dem die Medea vor
dem Baume mit dem Drachen steht; über ihrem Kopf sieht man ein kugel-
förmig geschwelltes Gewand. Dasselbe, in dieser Form seltene Motiv, kehrt
bei der Frau, die am Ufer vor St. Bernhard hinter zwei Frauen mit
einem Kinde steht, wieder ; wohl möglich, dass dieser Sarkophag schon
damals vor „S. Cosma e Damiano" stand und dort gezeichnet wurde.
Auch für den Engel auf dem Relief des Agostino di Duccio in der
Brera ^) war eine Mänade das Vorbild. Wie nun Agostino als Bildhauer
unter den plastischen Kunstwerken der Antike nach Vorbildern für
Bewegiingsmotive in Haar und Gewandung sucht, so achtet Polizian in
den Werken der antiken Dichter besonders auf Schilderungen von Be-
wegungsmotiven, die er dann in seinen Dichtungen getreu nachbildet.
Polizian mag immerhin durch Albertis Hinweis dazu angeregt oder
darin bestärkt worden sein, die Wiedergabe des bewegten Beiwerks als
künstlerisches Problem ins Auge zu fassen : — wie auch eine damals schon
vorhandene Ideenrichtung in den Florentiner Künstlerkreisen es ihm nahe
gelegt haben konnte, die Figuren auf seinen Reliefs mit Bewegung in
') lieber ein Vorbild neu-attischer Reliefs. Berl. Winokelmannsprogr. 1890,
S. 94—125.
'-) Vgl. Ha US er, Die Neu-Attischen Reliefs. Stuttg. 1889, p. 15, No. 17.
^) Vgl. u. a. E. Müntz, Precurseurs p. 9.
*) Abg. b. Müntz 1. c. p. 68. Rel. auf dem 2. Relief des linken Thürflügels.
^) Schon Semper, Donatellos Leben und Werke, 1887, p. 38 denkt an ein
Vorbild in „der Art des Skopas".
") 1. c. p. 123.
') Arch. Ztg. 1866, Taf. 216 u. Robert, Die antiken Sarkophag-Reliefs, 1890,
II, LXI, 190. Ob nicht auch die beiden anderen Frauen den Frauen mit dem Kind
auf dem Sarkophag, wenn auch frei, nachgebildet sind? Vgl. Phot. AI. 18077.
») 211. Fol. 251. Vgl. Jahn, Sachs. Ber. 1868, p. 224.
») Abb. Yriarte L c. (Abb. 112) p. 222.
") Etwa Hausers Typus 82.
— 8 —
Haar und Gewandung -^) erscheinen zu lassen — sicherlich giebt Polizian
dieser Stimmung bewusst und selbständig dadurch einen neuen Rück-
halt, dass er die Worte, um dieses bewegte Beiwerk zu schildern, den
Worten, die er in antiken Dichtern — Ovid und Claudian — gesucht hatte,
getreu nachbildete.
Auf dem ersten Relief der zweiten Reihe an den Thorpfeilern des
Venuspalastes sah man den Raub der Europa:
105 „Neir altra in un formoso e bianco tauro
Si vede Giove per amor converso
Portarne il dolce suo ricco tesauro
E lei volgere il viso al lito perso
In atto paventoso : e i be'crin d'auro
Scherzon nel petto per lo vento avverso.
La veste ondeggia, e in drieto fa ritorno.
L'una man tien al dorso, e l'altra al corno."
Nicht nur, dass die genaue Schilderung der Beweglichkeit in Haar und
Gewandung, soweit sie Ovid selbst bei der Erzählung des Raubes der Europa
in den Metamoi-phoxen (II, 873) und in den Fasten (V, 607 ff.) giebt, repro-
duzirt ist, es ist auch eine ähnliche Stelle aus den Met. (II, 527j herangeholt.
Stellt man die letzten 5 italienischen Verse mit ihren lateinischen Vor-
bildern zusammen, so steht man vor der kunstgeschichtlich selten nachweis-
baren Thatsache eines sorgfältigen Eclecticismus, verbunden mit der Fähig-
keit, die nahgelegten Dinge mit eigener künstlerischer Kraft zu verarbeiten :
E lei volgere il viso al lito j^erso
Met. II, 873: „litusque ahlata velictum
In atto paventoso: e i be'crin d'auro
Met. II, 873: „Favet haec." Fast. V, (iO'J: „Flnvos movet nuiri cdplUox.''
Scherzon nel petto per lo vento avverso
Met. I, 528: „Obviaqiie adversas vibrabant flainine vestes
et levis inpulüos retro dabat aiira cajnUosr'
La veste ondeggia, e in drieto fa ritorna
Met. II, 875: „Trenuilae siniiantiir flaviine vestes^'
Fast. V, 609: „Aura sinus in2Jlet.^^
L'ixna man tien al dorso, e l'altra al corno
Met. II, 874: .... „dexfra coniidii. fenef, altera dorso
imj)osita est.''
St. 106.
Le ignude plante a se ristrette accoglie
Fast. V, 611: Saei^e j^iiellares subducit ab oequore plantas.
Quasi temendo il mar che lei non bagne
ibid. 612: et metidt tacfiis n.ssilie)iiis aqiiae.''
') Giostra: vgl. Geburt der Venus (I, 100, 2), deren Empfang auf der Erde
(I, 100, 5—6) und im Olymp (I, 103, 3—4). Der Eaub der Europa (I, 105, 5—7). Der
Raub der Proserpina (I, 113, 3 — 4). Bacchus und Ariadne (I, 110, 5).
In de Fasten nach Moschos Vorbild, vgl. Haupt, Anm. zu d. Met. II, 837.
— 9 —
Bei der Beschreibung des Skulpturwerkes, deu /i'aith der l'i'oscrpi na
darstellend (St. 113), musste ausser Ovid selbst, auch noch Claudians^)
hyperovidianische Detailmalerei aushelfen :
1. „Quasi in un tratto vista amata e tolta
Dal fero Pluto Proserpina pare
Sopra un gran carro, e la sua chioma sciolta
A'zefiri amorosi ventilare."
Für den 3. Vers citirt Carducci, ohne nähere Angabe:
. . . „volucri fertur Proserpina curru
Caesariem diffusa noto" ....
Man sollte denken, dass wenigstens die „Zefiri amorosi" Erfindungen
Polizians im Sinne seiner Muster seien; doch auch hierfür findet sich bei
Claudian 1. c. v. 30:^)
„levibus projecerat auris
indociles errare oomas"
Die Zusammenstellung zeigt also auch hier dasselbe Bild :
Quasi in un tratto amata e tolta
Met. V, 395: „Paene .simitl visa est dUedaque
Dale fero Pluto Proserpina pare
rajjtaqiie Difi"
Sopra un gran carro, e la sua chioma sciolta
Claiicl. II, 248: „volucri fertur Proserpina curru
ibid. 21'J: Caesariem diffusa noto'"
A Zefiri amorosi ventilare
ibid. II, 30: . . . „levibus projecerat auris
indociles errare comas."
Im wirklichen Verlauf des in den Stanzen Polizians geschilderten
Liebesabenteuers finden sich noch zwei hierher gehörige Stellen :
I. St. 5(37 — 8 sieht Giuliano der „Nymphe" nach, im Zweifel, ob er
ihr folgen solle:
„Fra se lodando il dolce^) andar Celeste
E'l ventillar dell' angelica veste."
Ohne die folgenden Verse Ovids (Ars. Am. III, 299/301) als direktes
Vorbild anzunehmen, kann man dieselben doch wegen der Aehnlichkeit
in der Stimmung der Beobachtung hier anführen:
Ars. Am. III, '29Ü. „BJst et iti incessu pars iwn teinnenda decoris
Allicit iynotos ille, fuyatqiie viros
Ilaec movet arte latus, tunicis fluentibus auras
Excipit."
Wie Claudians Epitlialainien im Ganzen das bevorzugte Vorbild Polizians sind.
Vgl. Gaspary 1. c. p. 229.
-) Die Stelle ist ans Clavidian, De raptu Proserpinae, II, 218.
■■') Es ist von Apoll die Rede.
Vgl. Alberti oben p. 6: „dolce voleranno".
— 10 -
Weiterhin wird, bei der Beschreibung des Keiches der Venus ^) (von
I, St. 69 ab) die dort herrschende Frühlingsgöttin folgendermaassen (St. 72,
4 — 8) veranschaulicht :
„Jvi non volgon gli anni il lor quaderno,
Ma lieta Primavera mai non nianca
Ch'e' suoi crin biondi e crespi all' aura spiega
E mille fiori in ghirlandetta lega."
Hier wie bei der Hervorhebung des bewegten Beiwerks in der Tracht
der Zeitgöttinnen, welche die Venus empfangen, lässt sich ein direktes
Vorbild nicht nachweisen. Man darf aber annehmen, dass der Dichter
sich dem Geiste der antiken Dichter so recht nahe fühlte, indem er sich
in dieser Ovidianisch-claudianischen Ausmalung der Beweglichkeiten erging.
Mit Polizians Schilderung der Hören, mitsammt jener Ausmalung
des bewegten Beiwerks, zeigt die Frauengestalt, welche die Venus auf
dem Bilde BofticeUis begrüsst, eine auffällige Uebereinstimmung. Sie steht
(in strengem Profil nach links gerichtet) am Uferrand und hält der heran-
treibenden Venus den vom Winde geschwellten Mantel entgegen, dessen
Rand sie oben mit der weit vorgestreckten Rechten, unten mit der Linken
gefasst hält; sie wird in der kritischen Litteratur fast durchgängig als
Frühlingsgöttin bezeichnet.^) Ihr mit Kornblumen durch wirktes Ober-
gewand legt sich eng an den Körper an und lässt die Umrisse der Beine
scharf heraustreten; von der linken Kniekehle ab geht in flachem Bogen
ein Faltenzug nach rechts, der unten in fächerförmig gespreizten Falten
verflattert; die engen, an den Schultern gepufften Aermeln, legen sich
über ein weisses Untergewand aus weichem Stoff. Der grössere Theil
ihres blonden Haares weht von den Schläfen aus in langen Wellen nach
hinten, aus einem kleineren Theil ist ein starker Zopf gemacht, der in
einem Büschel loser Haare endigt. Sie ist die „Frühlingshore", wie sie
Polizians Phantasie entspricht:
Sie steht am Ufer, um die Venus zu empfangen ; der Wind spielt
in ihrem Kleid und kräuselt ihr „blondes Lockenhaar, das sie dem Wind
entgegenbreitet." Die Frühlingsgöttin trägt einen Rosenzweig als Gürtel;
es ist das ein zu ungewöhnliches Kleidungsstück, als dass er nicht im
Sinne der Renaissance-Gelehrten „etwas zu bedeuten" haben sollte.
Geben wir einen Augenblick der naheliegenden Vermuthung Raum,
dass Polizian nicht allein durch seine „Giostra", sondern persönlich als
gelehrter Berather Botticellis vor die Aufgabe gestellt war, für den „Früh-
1) Fast ganz nach Claudian, De Nuptiis Honor. et Mar. Vgl. Carducci zu
den cit. Versen.
'■') Für die Venus mit ihr nn Haarschniuck sei an Ovids Verse erinnert: (Amor.
XIV, 31 ff'.)
„Formosae pariere comae: quas vellet Apollo,
Quas vellet capiti Bachus inesse suo.
Ulis contulerim, quos quondam nuda Dione
Pingitur humenti sustinuisse manu."
^) u. a. Meyer 1. c. p. 50 u. Text zum Kl. B. III. 1. c.
— Il-
ling" ein klares aber „antikes" Attribut zu finden und zu diesem Zwecke
zu seinem Lieblingsdichter Ovid gegriffen hatte. Da las er dann: Met. II,
27 ff. von dem „Frühling" am Throne des Apoll:
„Verque novum stabat cinctum florente Corona" ^)
während es andrerseits in d. Fasten V, 217 heisst :
„Conveniunt pictis incinctae vestibus Horae."
Wollte Polizian dieses „cinctum"^) als „gegürtet" auffassen, so hatie
er damit zugleich eine nähere Angabe zu der Art wie „die Höre im bunten
gegürteten Gewände" gegürtet war.
Die folgende Stelle aus Vincenzo Carfari, lue Imagini dei Dei,^)
beweist, dass sich auch andere Renaissance-Gelehrte den Blumengürtel
als Abzeichen der Frühlingsgöttin dachten :
„Le höre, lequali dicono essere i quattro tempi dell'anno, aprire e
servare le porte del Cielo, sono date talhora al Sole, e tale altra a Cerere,
e ]:)erciö portano chie ceste, l'tina di ßori, pev la quäle si mostra Ja Primavera,
l'altra piena di spiche, che significa la estä. Et Ovidio pari mente dice
nei fasti'^j che queste stanno in compagnia di Jano [Apollo] alla guardia
delle porte del Cielo, e quando poi racconta di Flora, in potere della quäle
sono i fioriti prati, dice che le höre vestite di sottilissimi veli vengono
in questi talhora k raccogliere diuersi fiori da farsene belle ghirlande."
Aus dieser verworrenen Gelehrsamkeit geht doch soviel hervor, dass
die beiden citirten Stellen aus Ovid auch hier die Hauptquellen sind.
Auch eine Frühlingsfigur aus venezianischem Gelehrtenkreise gehört
hierher :
In der Hypneroioinachia PoUplüli/') dem archäologischen Roman der
Frührenaissance, sieht Poliphilus unter vielen anderen Kunstwerken beim
Triumphe des Vertumnus und der Pomona'') eine „sacra ara quadrangula"
mit den Personificationen der vier Jahreszeiten „in candido et lucideo
marmoro."
„In qualunque fronte della quäle uno incredibile expresso duna ele-
gante imagine promineva, quasi exacta. La prima era una pulcherrima
1) Ebenso Ep. ex Ponto III, 1, III: „Tu neque ver sentis cinctum florente Corona."
"Während es richtiger ist, das „cinctum florente Corona" als bekränzt (sc. auf
dem Kopfe) aufzufassen. Die Fasten Ovids waren auch ein Hauptgegenstand der
öffentlichen Vo)-lesungen Polizians: vgl. Gaspary 1. c. II p. 667. Ueber sein Gedicht
in der Art der Fasten vgl. Mencken, Vita Poliziani (Lpzg. 173G) p. 609.
3) Erste Ausg. v. 1556 p. CXIX.
*) Verwechslung mit Met. II.
^) Der Verfasser der Hypnerotomachia ist der Dominicaner Francesco Colonna
(gest. 15'27, 2. Oct., in Venedig). Nach der Vorrede, die Leonardo Crasso, Heraus-
geber des Buches, der ersten Ausgabe von 1499 (bei Aldus in Venedig) mitgab, war
das Buch 1467 in Treviso verfasst. Vgl. A. Ilg, Der kunsthistorische Werth der
Hypnerotomachia Poliphili, Wien, 1872, dazu Lipp mann, IbPrKss. IV (1884) p. 198.
Neuerdings sind die Holzschnitte von J.W.Appel, London, 1888, in Reproductionen
herausgegeben.
") Fol. M. IUI V.
— 12 —
Dea cum volante trecoe cincte*) de rose et altri fiori, cum
tenuissimo su])i)aro -) aemulaute gli venustissimi membri subjecti, cum la
dextra sopra uno sacrificulo de uno anti(j^uario Cliyrotropode'') tiammula
prosiliente. Fiori et rose divotamente spargeva, et nel altra teniva un
Abb. 2. Aus der Hypnerotomachia Poliphili:
„Der Frühling".
ramulo di olente et baccato*) Myrtho. Par a lei uno alifero et specio-
sissimo puerulo cum gli vulnerabondi insignii ridente extava, et due
columbine similme(n)te, sotto gli pedi della quäle figura era iiiscripta :
Florido veri S."
Hier also ist die citirte Stelle des Ovid (cinctum — bekränzt) richtig verstanden.
Subucula, Untergrund.
■■') Chyrotropus, Kohlenbecken. Vulg. Interpr. Levit. 11, 35.
buccatus.
— 13 —
Der entsprechende Holzschnitt zeigt eine ruhig stehende Frau im
Profil n. r., die mit der L. Blumen in den „antiquario Chyrotropode" wirft
und in der R. den Myrthenzweig hält. Ein mächtiger Haarschojjf flattert
nach 1. Vor ihrer r. Seite steht der nackte, geflügelte Amor mit Pfeil
und Bogen. In der Luft fliegen drei Tauben.^) Aus einer ganzen B,eihe
von Illustrationen und deren Beschreibungen in der Hypnerotomachia
geht es auch sonst klar hervor, dass auch für einen venezianischen
Gelehrten, wenn es galt, die antike Kunst in ihren bezeichnendsten
Leistungen wieder erstehen zu lassen, die äussere Beweglichkeit der
Gestalten als eine charakteristische Zuthat galt.^j
Noch im sechszehnten Jahrhundert heisst es bei Laigi Ahiiiitnini
(1494—1556) von der Flora : 3)
V. 13. „Questa dovunc^ue il pie leggiadro muove,
Empie di frondi e fior la terra intorno,
Che Primavera e seeo, e verno altrove
Le spiega all'aure i crin, fa invidia al giorno."
Es sei jetzt noch eine Zeichnung herangezogen, die mit dei' „Geburt
der Venus" in Verbindung gebracht wird ; aus ihr geht endgültig hervor,
dass es zwar einseitig, aber nicht unberechtigt ist, die Behandlung des
bewegten Beiwerkes zum Kriterium des „Einflusses der Antike" 7AX machen.
Es ist eine Federzeichnung aus dem Besitz des Herzogs von Atonale,
die 1879 in Paris ausgestellt war und von Braun photographirt ist, in
dessen Catalog (1887) sie folgendermaassen beschrieben wird :
p. 37(i. „N" 20. Etüde pour une composition de Venus sortant de
l'onde pour le tableau aux Uffizii."
Die Zeichnung^) rührt schwerlich von Botticelli selbst her — dafür
sind die Details zu roh behandelt (z. B. Hände und Brust der nackten
Frauenfigur) — sondern ist wohl von einer routinirten Künstlerhand aus
dem Schülerkreise Botticellis gegen Ende des XV. Jahrh. gezeichnet.
Ebensowenig ist ein Entwurf für die „Geburt der Venus" darin zu
ei'kennen, da die nackte Frauenfigur nur eine ganz ungefähre Aehnlicli-
keit in der Stellung mit Botticellis Venus hat.
Auf dem Blatte sind fünf Figuren abgebildet: Links der Oberkörper
einer vom Rücken gesehenen Frau, die ein Tuch um den Rücken
genommen hat, das vorne zusammengehalten wird. Der Kopf ist nacli r.
zum Beschauer herausgewendet. Ihr Haar, von dem sie einen Theil als
Kranz auf dem Kopfe trägt, fällt in einer dicken Flechte aiif die nackten
Schultern herab. Der r. Arm ist erhoben.
') Vergl. Abb. 2.
Man vgl., um nur das Wichtigste hervorzuheben, die Besclu'eibung der „Nymplie"
auf dem Obelisken und deren Abbildung Appel No. 5, ausserdem Appel No. 9, 10,
22, 7ß/78.
^) Flora in Campagna, ed. Raft'aelli, 1S59, p. 4.
In Chantilly vgl. Abb. H. Vgl. Ph. de Chennevieres, GdhA. 1879, p. 514:
„Notons encore la Venus sortant de Tonde du meine J^otticelli, premiere pensee du
tableau des Offices de Florence et pro^■enant de la collection Reiset."
— 14 —
Die nackte Frauenfigur neben ihr — ungefähr in der Pose der
Medicaeischen Venus, hält den r. Arm rechtwinklig vor die Brust (ohne
dieselbe zu verhüllen), mit dem 1. Arm den Unterkörper bedeckend. Die
Abb. 3. Zeichnung Botticollis (V) in Cliantilly.
Nach einer Photograiiliie von Ad. Uraun & Co., Braun, Clement & Cie., Nachfr. in Dornach i. Eis. und Paris.
Beine sind kreuzweise verschränkt und die Füsse stehen in rechtem
Winkel zu einander, eine Stellung, die nicht fest genug erscheint, um den
etwas zurückgebogenen Oberkörper zu tragen.
Ihr Haar ist in der Mitte gescheitelt, dann zusammengenommen und
als Flechte um den Hinterkopf gelegt, in einen frei flatternden Schopf
auslaufend. Dieselbe „brise imaginaire" verursacht auch die Schwellung
eines shawlartigen Gewandstückes, das auf der 1. Schulter aufliegt.
— 15 —
Die anderen drei Gestalten scheinen einer antiken friesartigen Compo-
sition entnommen. Eine Frau mit Leyer in der L. im Chiton und aussen
gegürteten Ueberschlag, daneben der behelmte Kopf eines Jünglings und
als Absehluss ein Jüngling in starker Schrittstellung nach E.., den Kopf
im Profil zurückgewendet.
Es ergab sich, dass diese drei Figuren in der That einer Sarhnphag-
DarsteUinuj des Achill auf Skyrns" entnommen sind; die Frau mit der
Leyer ist eine der Töchter des Lykomedes und der stark ausschreitende
Jüngling der entfliehende Achilles.-')
Abb. 4. Darstellung ans der Achilleis.
Nach Robert, die antikon Sarkdiihag'-Reliefs. (Grote.)
Da die Verstümmelungen auf der Zeichnung nicht willkürlich ergänzt
sind, so lässt sich das vorbildliche Exemplar genau bestimmen : Es ist
der heute in Wohurn-Ahhey aufbewahrte Sarhophag ^ welcher sich ursprüng-
lich unter den Reliefs befand, die seit der Mitte des 14. Jahrh. an der
Treppe von St. Maria Araceli in Rom eingemauert waren. ^)
Michaelis^) beschreibt ihn folgendermaassen : „To the 1. of Achilleus
are visible four daughters of Lykomedes : one in chiton and a chlamys
1) Statins, Achilleis, v. 835 fF.:
„Nee servare vices nec brachia jüngere curat
Tunc molles gressus, tunc aspernatur amictus
Plus solito rumj^itque choros et plurima turbat."
^) Vgl. Beschreibung Roms, III, I, p. 349, u. Dessau, Sitziin<jsher. <l.
Berl. Akad., 1883, II, p. 1075 ff.
3) Ancient Marbles in Great Britain, p. 735.
— 16 —
draped like a shawl, and in a position similar to that of Odysseus, is
liolding a cithara (restored at the topj, anotlier dressed in tlie same wa^y
is hurrying 1. (her forearms and flute have been added by the restorer),
of the two other sisters only the heads are visible in the back ground."
Ferner seien Achills rechter Arm und die Lanze oi'gänzt. Aus der Zeich-
nung Eichlers geht ferner hervor, dass auch der Unterarm der weibl.
Figur mit der Leyer ergänzt ist.
Da sich sämmtliche Fragmentirungen ebenso auf der Zeichnung
finden, so ist dieselbe nach eben diesem Sarkophag gemacht, als er noch
an der Treppe von St. Maria Araceli in E-om eingemauert war.
Die beiden Modellstudien nebenan zeigen, wie ein Künstler des
XV. J. sich aus einem Originalwei'k des Alterthums das heraiissucht, was
ihn „interessirt". In diesem Fall nichts weiter, als einerseits das oval
geschwellte Gewandstück, das er als Shawl (dessen Ende von der
1. Schulter zur r. Hüfte herabgeht) ergänzte, um sich das Motiv verständlich
zu machen, und andererseits der Haar putz der Frauenfigur, den er mit
frei flatterndem Schopf (von dem auf dem Vorbild nichts zu sehen ist)
versah, sicherlich in der Meinung, recht „antikisch" zu sein.
Noch auf Pirro Ligorio (gest. 1583) machen die „tanzenden Nymphen"
auf diesem Sarkophag einen besonderen Eindruck : ^)
„IB. (Achill auf Skyros.) Di Achille et di Ulysse. Veramente non e
di far poca stima d' un altro monumento, di un pilo che e ancora quivi
presso al sudetto, per esser copioso di figure, di huomini armati et di donne
lascivamente restite .... (Lücke in Dessaus Publication) Nel pilo sono
sei donne s c u 1 p i t e c o m e v a g h e N y m ]i h e , d i s o 1 1 i 1 i s s i m i v e 1 i
vestite, alcune di esse demostrano ball are e far balzandosi
atti con un velo, con Ii panni tanti sottili et trasparenti,
che quasi gnude si demostrano, 1' una delle guali snona una Ij^^a,
et r altra havendo lasciato il ballo sono come che corse a pigliar Achille."
Es lässt sich noch aus einem anderen Gebiet ein gleichartiges Bei-
spiel dafür vorbringen, dass man damals derartigen weiblichen Figuren mit
bewegter Gewandung eine besondere vorgefasste Meinung entgegenbrachte:
FiJarefe berichtet nach PJinins von Kunstwerken, die sich in Rom
befanden:^) „Eragli ancora quattro satiri dipinti, i quali ancora per la
loro bellezza furono poi-tati a Roma, i quali l'uno portaua Baccho insu la
spalla: l'altro la copriua, un altro gli era che pareua che piangesse come
uno fanciullo; il qiiarto beuena in una cratera del compagnio. Eragli
ancora due ninphe con panni sottili suolazzanti."
Von „ninphe" weiss Plinius*) nichts; dort heisst es: „duaeque
aurae velificantes sua veste."
Dass nicht allein für Filarete die „aurae" Nym})hen waren, zeigt
nichts besser als die Thatsache, dass die frühesten Herausgeber des Plinius-
') Bei Robert, Die antiken S.arkopli.a^-Reliefs. II, Tat'. XIX, 34. Darnach Ahb. 4.
Dessau 1. c., p. 109H.
■■') Vgl. ed. Oettingen, p. 7313.
*) 36. 5, 29.
— 17 —
textes die aurae, deren Bedeutung ilmen nicht ganz klar sein mochte, im
Text einfach durch „nymphae" ersetzten.
In der Princeps editio v. 1469'^) des Joh. Spira heisst es noch:
„duaeque aurae ueHficantes sua veste."
Dagegen steht in der Ausgabe der Sweynheym und Pannartz von 1473:^)
„Dueque nymphe velificantes sua veste."
Und ebenso in der Ausgabe von Parma vom Jahre 1481:^)
„Duaeque nymphae velificantes sua veste."
Auch in der Pliniusversion des Cristoforo Landino liest man:'*)
„Item due nimphe che fanno vele delle proprie veste."
Damit seien die Excursionen, soweit sie Botticellis Geburt der Venus
zum Ausgangspunkt haben, abgeschlossen. Bei einer Reihe dem Gegen-
stände nach einander nahestehender Kunstwerke : in dem Gemälde Botti-
cellis, der Dichtung Polizians, dem archäologischen Roman des Francesco
Colonna, der Zeichnung aus dem Kreise Botticellis und in der Kunst-
beschreibung des Filarete, trat die auf Grund des damaligen Wissens von
der Antike ausgebildete I^eigung zu Tage, auf die Kunstwerke des Alter-
thums zurückzugreifen, sobald es sich um die Verkörperung äusserlich
bewegten Lebens handelte.
1) Hain, Rep. 13087.
2) Hain, E,ep. 13090.
Hain, Rep. 13094.
^) Nach der Ausg. v. 1584, ]>. DCCLXYII.
Warbiirg-.
2
ANHANG.
„DIE VERSCHOLLENE PALLAS."
Die Verknüpfung einer historischen Nachricht bei Vasari mit anderen
Zeugnissen lässt auch noch den Nachweis einer den frühen Kunsthistorikern
indirekt bekannten Beziehung zwischen Polizian und Botticelli zu. Die
methodische Wichtigkeit dieser Belege macht eine kurze Unterbrechung
der rein ikonographischen Ausfühnmgen erforderlich.
Ulmanns^) Ausführungen ist mit Sicherheit zu entnehmen, dass
eine von ihm publizirte Zeichnung BotticelJis aus der Sammlung der
Uffizi der Entwurf zu einer Athena auf dem von Müntz publizirten ^)
Teppich ist und dass ferner eine Stelle im Inventar der Medici über ein
Bild des Botticelli in der „camera di Piero" (nach Ulmanns Conjectur)
auf das Bild einer Pallas zu deuten ist. Ulmann versuchte nun diese
Pallas mit derjenigen in Zusammenhang zu bringen, die Vasari*) folgender-
maassen beschreibt: „In casa Medici, a Lorenzo vecchio lavoro molte
cose: e massimamente una Pallade su una impresa di bronconi che butta-
vano fuoco; grande quanto il vivo."
Einen Zusammenhang zwischen dieser Pallas und jener auf dem Teppich
anzunehmen ist jedoch unnöthig, weil sich durch Verknüpfung einer Stelle
bei Paolo Giovio, eines Epigramms von Polizian, einer Zeichnung Botticellis
und einer Holzschniff-Illnsfrafion zur Giofitra Polizians von dieser „Pallade
su una, impresa di bronconi" ein fester umrissenes Bild gewinnen lässt.
Bei Paolo Giovio •'') wird nämlich eine derartige „impresa" als Wappen
des Piero di Lorenzo erwähnt, die auf Polizians Erfindung zurückgehe :
„Usö il magnifico Pietro, figliuolo, come giovane ed imamorato, i tron-
coni verdi incavalcati i quali mostravano flamme, e vampi di fuoco in-
') Vgl. oben p. 2.
^) Hist. de la Ren. I, als Farbendruck.
^) E. Müntz, Les Collections des Medicis an XV^"" siecle, Paris, 1888, p. 86:
„Nella camera di Piero. Uno panno in uno intavolata messo d'oro alto bra. 4 in
circha e largo bra. 2: entrovi una figliura di Pa [llade] et con uno schudo d'andresse {nie)
e uno lancia d'archo di mano di Sandro da Botticello, f. 10."
^) III, 312.
Abgodr. in d. Biblioteca Rara von C. Teoli, p. 32. Auch Del Lungo 1. c,
p. 1G4, verweist zum Epigramm CIV : „Pro Pietro Medice" „In viridi teneras exvirit
flamma medullas" auf Giovio.
— 19 —
trinseco, pei' signilicare che il suo ardor d'amore era incomparabile, poi
cli'egli abbrucciava le legna verdi, e fu questa invenzione del dottissimo
uomo M. Angelo Poliziano, il quäle gli fece ancor questo motto d'iin
verso latino: „In viridi teneras exurit flamma medullas." ^)
Da das im Inventar erwähnte Bild in der „Camera di Piero" liing,
so Avird der Zusammenhang klar und es fragt sich nur, Avie wir uns diese
„übereinander gelegten Scheite brennenden Holzes" vorzustellen haben.
Abb. 5. Holzschnitt zur Giostra-Ausgabe v. 1513.
Nach ff ei sei-, Renaissance und Humanismus. (Grote.)
Das Bild war etwa 2,44 m lang und 1,22 breit,-) so dass, wenn die Athena
lebensgross dargestellt war, unten oder oben noch etwa ein Drittel der
Fläche freiblieb. Für das, was in dem unteren Drittel abgebildet war,
gewährt nun ein Holzschnitt, der das Schlussbild zwv (liosfra- Ausgabe von
1(j13 bildet, einen Anhalt. •'^) Man erblickt Giuliauo, knieend mit erhobenen
Händen eine Göttin anflehend, die in einer Nische steht; die Göttin stützt
') Vasari giebt in den Ragionamenti die Bronconi dem älteren Giuliano als
Liebeswappen: „Dicono che qnesta impresa portö Giuliano nella sua giostra sopra
l'elmo, dinotando per quella, che, ancora che la speranza fusse dello amor suo tronca,
serapre era verde, e sempre ardea, ne mai si consumava." Vas. Mil. VIII, p. 118. Noch
1513 führt der Sohn Pieros Lorenzo den „Broncone" als Al)zeichen seiner Gamerals-
gesellschaft. Vas. Mil. VI, p. 251.
^) Das geht aus Folgendem hervor: In dem Inventar des Lorenzo wird p. 85
angeführt: „Una storietta di bronzo di br. 1 per ogni verso, entrovi uno Christo crucifixo
inmezzo di ladroni dua con otto fighure in pie, f. 10." Dieses cjfuadratische Bronzerelief
ist zweifellos identisch mit der Kreuzigung im Bargello in Florenz, das M. Semran,
Donatello's Kanzeln in S. Lorenzo, 1891, p. 206/209, als Werk des Bertoldo di Giovanni
nachgewiesen hat. Nach Mittheilung Semraus ist das Relief Gl cm hoch und breit.
Danach ei'geben sich für Botticellis Bild die oben erwähnten Maasse.
■') Expl. im Berl. Kui)ferstclin. (299Sa). Der betr. Holzschnitt ist mit Text repro-
duzirt bei Geiger. Renaissance und Humanismus, zu p. 19S. Danach Abb. 5.
2*
Abb. G. Botticelli, Zeichmnig in Mailand.
N;i(li einer riiotograijhic von Ad. Eraiui & Co., Braun, ClOment & Cie., Xachfr. in Diirnach i. Eis. und Paris.
— 21 —
sich mit der ß. auf einen Speer, vor ihr steht ein rechteckiger Altar, der
auf der breiten Vorderseite die Inschrift „Citarea" trägt. In der Mitte
liegen brennende Scheite. Das Bild illustrirt den Anruf des Giuliano an
Pallas und an Venus vor dem Aufruf zum Turnier. Die Statue wird wohl
die Pallas vorstellen, während der Altar mit dem brennenden jungen Holze
der Venus gewidmet ist. Der Text des Gredichtes giebt ziu* Darstellung
der „Bronconi" keinen unmittelbaren Anlass. ^)
Durch den Holzschnitt wird BotticclUs Zeichnung in Mailand erklärt.
Soweit es sich aus der Photographie von Braun^) ersehen lässt, sind
auf einem Blatte zwei Figuren zusammengestellt. Unten kniet ein bart-
loser Jüngling, der die Hände flehend erhebt ; sein langer Mantel bildet
auf dem Boden ausstrahlende Falten. Ueber seinem Kopfe ist in einem
segmentartigen Ausschnitt die Figur einer Frau eingefügt, die auf einem
antikisirenden vasenartigen Untersatze steht ; in der E,. hält sie einen
Streitkolben, mit der L. fasst sie den oberen Rand eines Schildes mit
einem (lorgoneion in der Mitte.
Ein Blick auf den Holzschnitt ermöglicht die Correctur der Zusammen-
füeunff und Erkenntniss des Bildinhaltes.
Die Göttin müsste weiter rechts vor dem knieendem Jüngling stehen,
unter "ihr der Altar mit den brennenden Scheiten. Denn trotz einzelner
Abweichungen (in der Gewandung des Knieenden und in dem verein-
fachten Faltenwurf und der veränderten Bewaffnung der Pallas) kann
man annehmen, dass man in der Mailänder Zeichnung einen Entwurf zur
Illustration der Schlussscene der Giostra^) zu sehen hat.
Auf dem verloreneu Bild Botticellis kann nun (des Formates wegen)
der knieende Giuliano schwerlich mit dargestellt sein, so dass wir die
Zeichnung nicht als Entwurf für das Bild ansehen können ; immerhin
kann man sich nach dem Vorhergehenden eine begründete Vorstellung
von dem Gemälde machen ; im Zimmer des Piero di Lorenzo *) hing eine
Athena mit einem Sj)eer in der Rechten und einem Schilde vor sich,
ixnter ihr, etwa ein Drittel der Fläche einnehmend, ein Altar mit einem
brennenden Scheit Holz.
Auch bei der Untersuchung des „Frühlings" soll zunächst der
Gesichtspunkt beibehalten werden, bei der Darstellung des bewegten
Beiwerkes nach dem „Einfluss" antiker Vorbilder zu suchen, ebenso wie
bei der Frage nach dem Inspirator des Concettos und dessen Auftraggeber
zuerst an Polizian und die Medici zu denken sein wird.
^) St. II, 41 ff.
2) Braun, 257/258. Danach Abb. G.
^) Dieses Ergebnis würde zur Vermufhung L i p p m a n n s {IbPrKss. 82,
p. 187 ff'.) passen, der die Entstehung der einzelnen Holzschnitte der Giostra in die
.Jahre 1490/1500 setzt und auch in den Illustrationen zu den Rappresentazioni „die
Kunstrichtung Botticellis deutlich ausgeprägt" findet.
Neuerdings ist auch versucht worden, das Bildnis des sog. „Pico della Miran-
dula" in den Utfizi als ein von Botticelli zw. 1492/1494 gemaltes Portrait des Piero
di Lorenzo nachzuweisen. Vgl. Archivio storico delV Arte I, 290 u. p. 465.
ZWEITEM ABSCHNITT.
„DER FRÜHLING."
„ What mysterv here is read
Of horaage or of hopey But liow command
Dead Springs to answerV And how question here
These nummei's of that wind-whithered New TearV"
Dante (iahricl Rossetti, For Siiriiifv
by Saiidro liotticelli.
Vasari erwähnt den sogenannten „Frühling" zusammen mit der
„Geburt der Venus".
„ oggi ancora a Castello, villa del Duca Cosimo, sono due
quadri figurati, 1' uno, Venere che nasce, e quelle aure e venti che la fanno
venire in terra con gli amori ; e cosi un altra Venere, che le Grazie la
fioriscono, dinotando la Primavera."
Vasari nennt also für beide Bilder, in deutlicher Betonung der
Correspondenz, die Venus als Mittelpunkt: 1' uno, Venere che nasce . . . .
e cosi un altra Venere che le Grazie fioriscono ....
Trotzdem wird das Bild in der kritischen Litteratur fast durchweg
einfach als „Allegorie auf den Frühling" bezeichnet, eine Auffassung, die
die Verschiedenheit der Grösse der Bilder und der getrennte Auf-
bewahrungsort begünstigen, '^j
Im Text zum klassischen Bilderschatz hat Bayers dorfer letzthin
eine ausführliche Deutung gegeben.
„Allegorie auf den Frühling. In der Mitte steht Venus, über deren
Haupt der schwebende Amor glüliende Pfeile nach den links tanzenden
Grazien verschiesst. Neben diesen Merkur, welcher mit dem Caduceus
die Nebel in den Baumwipfeln zerstreut. Auf der rechten Hälfte geht
') Vgl. oben p. 7.
■'') Der „Frühling" befindet sich heute in der Akademie , in Florenz. Nach der
Angabe im „Klassischen B i 1 d er s c Ii a t z " auf Holz 20;}: 311 cm. Bd. I (ISS'J) p. X.
Abb. No. 140.
G. Kinkel, Mosaik zur Kunstgeschichte, 187(5, p. 898, hat dagegen deutlich
darauf hingewiesen, dass die beiden Bilder Gegenstücke seien.
SANDRO BOTTICELLI, FRÜHLING.
Nacli einer l'holographie von Ad, Braun .V Co
FLORENZ, AKADEMIE.
Narhfr. in Dörnach i. Eis. und Paris
— 23 —
Flora ^) rosenstreuend durchs Gefilde, während der fliehenden Erdnymphe
bei der Berührung Zej)hyrs Blumen aus dem Munde entspriessen. Für
Cosimos Villa Careggi^) gemalt, gegenwärtig in der Akademie zu Florenz."
Die Benennungen, die sich im Laufe der vorliegenden Arbeit ergeben
hatten, stimmen mit dieser Deutung überein, nur dass die „Erdnymphe"
wohl „Flora" zu benennen wäre und das rosenstreuende Mädchen nicht
als „Flora" sondern als Frühlingsgöttin zu bezeichnen ist.
Avif beide Punkte soll noch an den einschlägigen Stellen zurück-
gekommen werden. Der Versuch, zur Ei'klärung der Ausgestaltung des
Bildes analoge Vorstellungen der gleichzeitigen kritischen Litteratur und
Kunst, der redenden wie der bildenden, heranzuziehen, erweist sich bereits
bei der naheliegenden Lektüre des Alberti^) als fruchtbar.
Die drei tanzenden Grazien werden dort als Gegenstand eines Bildes
empfohlen , nachdem vorher die „Verleumdung des Apelles" (die ja
Botticelli ebenfalls illustrirte ^) als besonders glückliche Invention den
Malern ans Herz gelegt worden war:
„Piacerebbe ancora vedere quelle tre sorelle, a quali si pose nome
Eglie, Heufronesis et Thalia, quali si dipignievano prese fra loro 1' una
e' altra per mano, ridendo, con la vesta scinta et ben monda ; per quali
volea s' intendesse la liberalitä, che una di queste sorelle da, 1' altra riceve,
la terza rendi il beneficio, quali gradi debbano in ogni perfetta liberalitä
essere. "
Wie Alberti die Beschreibung der „Verleumdung des Apelles" mit
der Bemerkung geschlossen : •'')
„Quäle istoria, se mentre che si recita, place, pensa quanto avesse
gratia et amenitä dipinta di mano d'Apelle", so knüpft er auch an das
zweite Concetto, in dem stolzen Gefühl des glücklichen Entdeckers, die
"Worte: „Adunque si vede quanti lodi porgano simile inventioni al artetice.
Pertantü consiglio, ciascuno pictore molto si faccia familiäre ad i poeti,
rhetorici et ad Ii altri simili dotti di lettera, sia che costoro doneranno
nuove inventioni o certo ajuteranno ad hello componere sua storia, per
quali certo adquisteranno in sua pictura molte lode et nome."
Dass Botticelli gerade diese Musterbeispiele des Alberti verkörperte
giebt einen weiteren Beleg dafür, wie sehr er oder sein gelehrter Eath-
geber von dem Ideenkreis des Alberti „beeinflusst" wurde.
Vgl. Bayer, „Aus Italien," 1885, p. 269, „Frau Venus in der Eenaissance" :
„ ist es der Zephyr, welcher die Nymphe der WaldÜur umweht und umfängt?
Rosenknospen quellen aus ihrem Mund vxnd gleiten auf das Gewand der Nachbarin
herab: diese ist wohl Flora selbst."
^) In dem Text zum dritten Band des Klassischen Bilderschatzes (1891), p. VIII,
ist dagegen Castello als Bestimmungsort, Vasari entsprechend, angegeben ; innerlich
wahrscheinlich wäre freilich Careggi, der Versammlungsort der platonisirenden Ge-
sellschaft.
^) Lib. de pict., ed. Janitschek, p. 147.
^) Vgl. Rieh. Foerster, Die Verleumdung des Apelles in der Renaissance.
IbPrKss. VIII (1887), p. 27 tf.
L. c, p. 147.
— 24 —
Janitscliek weist in Anmerkg. 62 darauf hin, dass diese Allegorien
aus Seneca de benef. I c. B nach Chrysippos entlehnt sei. Die Stelle
lautet : „quare tres Gratiae et quare sorores sint et quare manibus inplexis
et quare ridentes juvenes et virgines sohitaque ac perlucida veste. Alii
quidem videri volunt unam esse quae det beneficium, alteram quae aceipiat,
tertiana quae reddat. Alii beneficiorum tria genera, promerentium, redden-
tium, simul et accipientium reddentium(j^ne."
Zum Schluss bemerkt Seneca:
„Ergo et Mercurius una stat, non quia beneficia ratio commendat vel
oratio, sed quia pictori ita visum est."
Dass das gürtellose und durchsichtige Gewand dem Maler als unum-
gängliches Characteristicum galt, geht aus der Gewandung der Grazie, die
am weitesten links steht, hervor: trotzdem die Faltenmotive über dem r.
Oberschenkel nur durch Schuürung entstanden sein können, ist von dem
Gürtel nichts zu sehen, so dass, dem Motiv zu Liebe, für die Lage des
Gewandes eine sichtbare Begründung fehlt.
Im Codex Pighianus, ^) jenem bekannten Bande mit Zeichnungen
nach Antiken aus der Mitte des 16. Jahrh., ist auch eine Abbildung nach
einem Relief mit drei tanzenden langbekleideten Frauen, welches sich
heute in Florenz in der Sammlung der üffizi befindet. ^) Darunter Jiat
der Zeichner die Worte gesetzt :
„Gratiae Horatii Saltantes".
Jahn dachte, dass sie sich auf Carm. I, 4, 6/7 bezögen:
„junctaeque Nymphis Gratiae decentes alterno terram quatiunt pede."
Sollte Pighius nicht eher an die Schilderung in Carm. I, XXX:
„Fervidus tecum puer et solutis Gratiae zonis"
gedacht haben, welche jener Vorstellung der Grazien des Alberti (bezw.
Seneca) als Frauen in gelöstem und ungegürtetem Gewände entsprechen
würden?
Im Louvre befindet sich ein Frescofragment^ das aus der nahe der
Villa Careggi liegenden Villa Lemmi stammt und Botticelli zugeschrieben
wird. ^) Es stellt die drei Grazien dar, wie sie sich der Giovanna d'Albizzi
am Tage ihrer Hochzeit mit Giovanni Tornabuoni (1486) unter der
Führung der Venus mit Geschenken nahen.
1) Berlin, Kgl. Eibl., A. 61. vgl. oben p. 7.
2) No. 49, fol. 320. Vgl. Jahn, Sachs. Bei: 1868, p. 186. Abgeb. Winckelmann,
M. J. 147. Bespr. Dütschke, Ant. Bw. III, p. 235. Haus er, Neu- Attische Reliefs,
p. 49, No. 63, u. dazu p. 147.
3) Phot. Brogi. Vgl. Cos. Conti, L'Arf, 1881 (IV, 86/87) u. 1882 (1,59/60): „De-
couverte de deux fragments de Sandro Botticelli"; danach Ch. Ephrussi, GdhA. 1882,
p. 442, 447; ebend. dort auch Abb. der Bruchstücke. Neuerdings auch zu vgl. A. Heiss,
Les Medailleurs de la Ren., Tlorence et les Florentins, Paris, 1891, p. 56 ff. TJeber
Giovanna Tornabuoni vgl. ferner: F. Sitwell, Types of beauty, Art Journal 1889,
p. 1. Ebend. Abb. ihres Portraits v. 1488, d. Ghirlandajo zugeschrieben, und Enrico
Ridolfi, Giovanna Tornabuoni e Oinevra dei ßenci sul coro di Santa Maria Novella
in Firenze. Firenze, 1890. (Nach dem Auszug in Arcli. Stor. delV Arte, 1891, p. 68/69.)
— 25
Die drei hintereinander lierschreitenden Grazien haben dasselbe
nngegürtete Idealcostüm wie auf dem „Frühling", nur dass die beiden
letzten (v. 1. aus) ausser ihrem hemdartigen Gewand noch einen Mantel
haben, dessen oberer Rand bei der am weitesten hinten stehenden Grazie
wiilstförmig von der r. Schulter herabwallt und von dem unteren Theil
des Oberkörpers — gerade wie bei der Grazie auf dem „Frühling" einen
vorhängenden Bausch bildet, ohne dass die Art der Befestigung desselben
klar wäre.
Ob die Fresken das eigenhändige Werk Botticellis sind, wie
Cos. Conti will, oder zum Theil wenigstens von Gehilfen ausgeführt
wurden, wie Ephrussi meint, lässt sich allein nach den Abbildungen schwer
entscheiden. Manche Härten in der Zeichninig sprechen für die letztere
x-iutfassung.^)
Cosimo Conti hatte zuiei Medaillen ^) zum Nachweis der Identität
der Dame in Zeittracht mit der Giovanna Tornabuoni herangezogen, die
beide auf der Vorderseite den Portrai tkopf derselben zeigen ; auf der
Rückseite sind zwei verschiedene mythologische Scenen abgebildet, deren
formale Behandlung wiederum ikonographisch bemerkenswerth ist.
Die Itüdxseite der einen Medaille (1. c. 13) zeigt die drei Grazien
nackt, in der bekannten Verschlingung ; sie sind — wie auch eine Be-
schreibung eines Gemäldes in der Ruhmeshalle für Künstler bei Filarete im
XIX. Buch (ed. Oeffingen, p. 735) — eines jener Beispiele dafür, dass
den damaligen Künstlern die drei Göttinnen auch in dieser Gruppirung
geläufig waren. ^) Als Umschrift haben sie : „Castitas. Pul[chr]itudo. Amor."
■) Bei Vasari, Mil. III, 269, wird erwähnt, dass Ghirlandajo für die Tornabuoni
in Chiasso Macerelli (das ist eben die heutige Villa Lemihi) eine Capelle al fresco aus-
malte. Ein Künstler, stylistisch zwischen Botticelli und Ghirlandajo stehend, könnte
wohl jene Fresken gemacht haben; doch lässt sich diese Frage für den Verf. erst
nach Autopsie der Fresken behandeln.
'■') Sammlung d. Uffizi, Florenz. Abg. bei Friedlaender, Die italienischen
Schaumünzen des fünfzehnten .Jahrhunderts. IhPrKss., II, Taf. 28, 13 u. 14, p. 243
als Werke d. Niccolo Fiorentino bezeichnet.
^) Schon seit der 1. H. d. XV. Jahrh. sind sie nachzuweisen : 1. Im Skb. d. Jac.
Bellini, Bl. 31; vgl. Gay e, Scho7-ns Kunstblatt, 1840. 2. Auf dem Relief des Ago st.
di Duccio in Rimini, den Apollo darstellend, als Verzierung des Leyerknaufes;
vgl. Cartari, Imagini 1. c, p. 121, unter Berufung auf Macrobio [wohl I. 17, 13];
Phot. Alin. 1003. 3. Auf dem Fresco des Triumphes d. Venus im Pal. Schifanoja;
Phot. Alin. 10724. 4. In einem Initial zu einer Horazhandschrift (Berlin, Kpstcbn.
Ham. Ms. 334), die für Ferdinand von Neapel (1458 — 1494) geschrieben wurde. 5. Auf
einem Holzschnitt des Meisters J. B., der sich nach E. Galichon, GclbA. IV (18.59),
p. 256 — 274, in der Hamburger Kunsthalle befand (dorten nicht mehr aufzufinden).
Nach der Beschreibg. standen sie unter einem Tempel. Ueber die Statuen d. Grazien
in Siena vind deren Nachbildungen vgl. Schmarsow, Raphael und Piuturicchio, 1880,
p. 6. Auf einer Münze des Leone Leoni, abg. E. Plön, Leone Leoni et Pompeo
Leoni, Paris, 1887, pl. XXXI, 4 (aus d. 1. H. d. XVI. Jahrb.), sind die Grazien zu-
sammen mit zwei Putten (r. u. 1.) abgebildet, die von ihnen Früchte oder Blumen
em pfangen, .so, wie sie auf antiken Sarcophagreliefs vorkomm en. Vgl . B a r t o 1 i , Admiranda,
2. Aufl., Taf. 68: „In Aedibus Mattheiorum". Schon bei Aldovrandi, Le statue antiche
di Roma, wird ein Relief mit den drei nackten Grazien im Hause des Carlo da Fano
erwähnt; ed. 1562, p. 144.
— 26 —
Zeigte uns die Rückseite der ersten Schavimünze die antiken Göt-
tinnen, so wie wir sie seit Winckelmann ' j „im Geiste der Antike" zu
sehen gewohnt sind, nämlich: nackt und in ruhiger Stellung, so weist der
Revers der zweiten Medaille ^) eine Frauenfigur auf, welche wiederum jene
unbegründete starke Bewegtheit in Haar und Gewandung zur Schau trägt.
Sie steht auf Wolken, den Kopf, dessen Haare nach beiden Seiten
flattern, etwas nach r. gewendet ; ihr Kleid ist aufgeschürzt und bildet
einen aussen gegürteten Bausch ; der Saum ihres Gewandes und eines
darüber hängenden Thierfelles flattern im Winde. Der Pfeil, den sie in der
erhobenen Rechten hält, der Bogen in der gesenkten Linken, der Köcher
mit Pfeilen, der über ihrer r. Hüfte heraussieht, und die Halbstiefel
charakterisiren sie als Jägerin. Die Umschrift, ein Vers aus Virgils Äeneis
(I, 315), erklärt sie:
„Virginis os habitumque gerens et Virginis arma."
Die folgenden Verse beschreiben die Verkleidung, in der die Venus
dem Aeneas und seinem Begleiter erscheint, noch genauer:
„Cui mater media sese tulit obvia silva,
Virginis os habitum(]ue ferens et Virginis arma
Spartanae vel qualis equos Threissa fatigat
Harpalyce volucremque fuga praevertitur Eurum.
Namque umeris de more habilem suspenderat arcum
Venatrix, dederatque comam diffundere ventis,
Nuda genu nodoque sinus collecta fluentis."
Die letzten beiden Verse geben den getreu befolgten Hinweis für
die Behandlung des bewegten Beiwerks, das also auch hier als Merkmal
„antikisirender" Formengebung aufzufassen ist.
Auf einer der zwei Langseiten einer italienischen Brauttruhe, ^) etwa
aus der Mitte des XV. Jahrh., ist dieselbe Scene der Aeneis illustrirt.
L. erscheint Venus dem Aeneas und seinem Begleiter auf dem Lande,
etwas weiter r. sieht man, wie sie vor deren Augen in die Lüfte ent-
schwindet.
Sie steht — wie auf der Münze — auf Wolken und trägt Flügel-
helm, Halbstiefel und Köcher an der 1. Seite und den Bogen auf der
1. Schulter; ihr ringförmig aufgeschürztes Gewand hat rothe Farbe und
ist mit plastischen Goldmustern verziert ; das lose Haar flattert im Wind.
Die anderen Figuren tragen Zeittraclit.
') Vgl. C. Justi, Winckelraann, II, 287: „Götter und Helden sind wie an heiligen
Orten stehend, wo die Stille wohnt, und nicht als Spiel der Winde oder im Fahnen-
sch wenken vorgestellt."
L. c, 28, 14.
^) Im Kestner-Mus. zu Hannover. Hr. Dr. Voege machte mich darauf
aufmerksam. Die Figuren zeigen die Besonderheiten, die man neuerdings auf Vittore
Pisano zurückzuführen pflegt: kurze Mäntel mit weiten Aermeln, anliegende Hosen
mit verschiedenfarbigen Beinlingen und Hüte mit mehreren Stockwerken.
— 27
Am' der anderen Cassonewand ist die Jagd des Aeneas nnd der Dido
zu sehen, die mit dem gelegentliclien Unwetter ihren Abschhiss fand.
Auch hier hat der Wunsch, Antikisches abzubiklen, seine Früchte
getragen : oben r. blasen die Halbfiguren von drei negerhaften Wind-
göttern , ^) deren kugelförmiges Haar ~) sich in verschiedenen Wülsten
um den Kopf legt, aus geschwungenen Hörnern den „nigrantem comixta
grandine nimbum" heraus.
Musste man bei den drei Grazien etwas weiter ausgreifen, um auf
die hier zu analysirende künstlerische Stimmung zu treffen, so lässt eine
andere Gruppe auf dem „Frühling" eine geschlossenere Darstellung und
den unmittelbaren Hinweis auf Polizian zu.
Als Abschluss nach r. erblickt man eine erotische. Verfolgangsscene.
Zwischen den unter einem Lufthauch sich neigenden Orangebäumen,
die den Hain flankiren, wird der Oberkörper eines geflügelten Jünglings
sichtbar. Im raschen Fluge — Haar und Mantel flattern im Wind —
hat er ein (n. 1.) fliehendes Mädchen ereilt, dessen Rücken er bereits mit
den Händen berührt, in dessen Nacken er — mit zusammengezogenen
Augenbrauen und aufgeblasenen Backen — einen mächtigen Wind strahl
entsendet. Das Mädchen wendet im Laufe, wie Hülfe flehend, den Kopf zu
ihrem Verfolger zurück, auch Hände und Arme machen eine abwehrende
Bewegung ; in ihrem losen Haar spielt der Wind, der auch ihr durch-
sichtiges, weisses Gewand bald wellenförmig fliessen lässt, bald fächerartig
spreizt.^) Aus dem r. Mundwinkel des Mädchens entspringt ein Strahl
verschiedener Blumen : Rosen, Kornblumen u. a.
In den Fasten des 0 v i d ^) erzählt Flora, wie sie von Zephyr ereilt
und besiegt worden sei; als Hochzeitsgeschenk habe sie dann die Fähig-
keit empfangen, was sie berühre, in Blumen zu verwandeln :
M Ob veranlasst durch Aen. IV, 168: „sunimonue uluhirunt vertice nymphae"?
Zu der Frisur vgl. den Windgott in den Miniaturen des Liberale da
Verona, abg. l'Aii, 1882. IV, p. 227. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Maler eine
spätantike Vergil-Illustration im Gedächtniss oder vor Augen hatte; vgl. z. B. die Iris
und die Windgöttin des Vatic. Ms. ;3867 (fol. 74 n. 77) bei Agincourt, H. d. b. Arts,
Tat. LXIII, dazu P. de Nolhac, Melanges d'Ardi. et d'IIist., IV, p. 321 u. 371. Polizian
benutzte das Ms. zu CoUationen; vgl. ebend., p. 317.
Letzthin findet man bei Heiss 1. c. p. 05 ff., den grössten Theil der hier zum
Fresko der Villa Lemmi herangezogenen Kunstwerke abgebildet. Dazu giebt er auch
noch die Abbildungen des Tlieseus und der Ariadne nach dem Stich des Baldini
(p. 70) und der Judith aus d. Uffizi (p 71) mit folgendem Vermerk: ,,Dans la V6nus
chasseresse surtout, on retrouve l'allure tres distinguee, mais tres tourmentee, la
profusion d'ornements et les draperies flottantes, si caracteristiques du style de
Botticelli. Nous reproduisons ici de ce maitre, deux dessins dont les costumes et la
ta9on dont ils sont traites ont une grande analogie avec les types des vers auxquels
nous venons de faire allusion."
^) Ibd. IV, 120.
^) Derartige Faltenmotive linden sich schon bei Botticellis Lehrer Fra Filippo
Lippi ; z. B. auf dem Fresco mit dem Tanz der Herodias in der Kathedrale zu Prato.
Vgl. Ulmann, Fra Filippo und Fra Diamante als Lehrer Sandro Botticellis. Dissert.
Breslau, 1890, p. 14.
") Fast. 193 ff.
— 28 —
„Sic ego, sie nostris respondit diva rogatis.
Dum loquitur, Vernas efüat ab ore rosas.
Chloris eram, quae Flora vocor. Corrapta Latino
Nominis est nostri littera Graeca sono.
Chloris eram, Nymphe campi felicis, ubi audis
Rem fortunatis ante fuisse viris.
Quae fuerit mihi forma, grave est narrare modestae.
Sed generum matri reperit illa deum.
Ver erat, errabam. Zephyrus conspexit ; abibam.
Insequitur, fugio. Fortior ille fuit.
Et dederat fratri Boreas jus omne rapinae,
Ausus Erechthea praemia ferre domo.
Vim tarnen emendat dando mihi nomina nuptae :
Inque meo non est uUa querela toro.
Verl fruor Semper ; Semper nitidissimus annus.
Arbor habet frondes, pabula Semper humus.
Est mihi fecundus dotalibus hortus in agris
Aura fovet ; liquidae fonti rigatur aquae.
Hunc meus implevit generoso flore maritus :
Atque ait, Arbitrium tu, dea, fioris habe.
Saepe ego digestos volui numerare colores
Nec potui: Numero copia major erat." u. s. w.
In dieser Schilderung ist die Composition im Kern gegeben und
man würde das bewegte Beiwerk als eigene Zuthat des Botticelli auffassen,
wenn nicht seine Vorliebe, Beweglichkeiten der Tracht nach bewährten
Mustern zu schildern, schon mehrfach zu Tage getreten wäre.
In der That ergab es sich , dass die Gruppe in genauer An-
lehnung an 0 V i d s Schilderung der Flucht der Daphne vor Apollo ent-
standen ist : ^)
Die Zusammenstellung der einschlägigen Verse macht es ohne weiteres
klar: 2)
„Spectat inornatos collo pendere capillos
et quid, si comantur ? ait. ^)
1) Met. I, 497 ff'.
2) Dementsprechend sind die Haare der Flora auf dem Bilde ungeflochten und
schmucklos; selbst jene Binde: v. 477 „vitta coercebat positos sine lege capillos" fehlt.
In der Prosaversion der Metamorphosen des Giovanni di Bonsignore
(ca. 1370 verfasst, 1497 bei Aldus in Venedig mit Holzschnitten gedruckt) besitzt man
ein authentisches Zeugnis für die Sorgfalt, mit der die Italiener die von Ovid gegebene
Detailmalerei beibehielten; vgl. z. B. zu v. 477 ff".: „Cap. XXXIIII. . . . fugia con gli
capelli sparti e scapigliate legati senza alcuna acima (?) dura." Zu v. 497 ff.: „Cap. XXXV.
Phebo desiderava cozösersi con daphne per matrimonio la donna fugedo lo negava.
Poiche era levato lo giorno vedeva gli disordinati capegli di daphne pendere per lo
collo e dicea: che seria costei se la pettinasse e conzassesse con maestrevole mano."
Zu v. 527: „percio che fugendo lei lo vento che traevano di ricötro gli scopriano
— 29 —
V. 527. „Nndabant corpora venti,
obviaque adversas vibrabant flamme vestes
Et levis inpulsos retro dabat aura capillos."
"V. 540. „Qui tarnen iiisequitur, pennis adjutus amoris
ocior est reqiiiemque negat tergoque fugacis
imminet et crinem sparsum cervicibus adflat."
und V. 553. „hanc quoque Phoebus amat positaque in stii-pite dextra
Sentis adhiic trepidare novo sub cortice pectus."
Bringt man sieh in Erinnerung, dass Polizian gerade diese Stelle
aus Ovid herausgegriffen und zur Beschreibung der Beweglichkeiten
in Haar und Gewandung auf dem fingirten Relief mit dem Raube der
Europa verwerthete, so würde dies allein hinreichen um auch für dieses
Bild die Inspiration Polizians anzunehmen. ^)
Es kommt hinzu, dass Polizian in seinem Orfeo, der „ersten italienischen
Tragödie",^) dem Aristeo, der die Eurydike verfolgt, dieselben Worte in
den Mund legt, die Apollo bei Ovid der Daphne sagt : ^)
„Non mi fuggir, Donzella
ch'i' ti son tanto amico,
E che piii t'ama che la vita e'l core.
Ascolta, 0 ninfa bella
ascolta quel ch' io dico:
Non fuggir, ninfa ; ch' io ti porto amore.
Non son qui lupo o orso ;
Ma son tuo amatore :
Dunque rafirena il tuo volante corso.
Poi che '1 pregar non vale
Et tu via ti dilegui
El convien ch' io ti segui.
Porgimi, Amor, porgimi or le tue ale."
Noch bezeichnender ist, dass sich Polizian die Verfolgung der Daphne
als Gegenstand eines der plastischen Kunstwerke in jener Reliefreihe am
Thore des Reiches der Venus dachte und hierbei ebenfalls die Worte
Ovids im Gedächtniss hatte:*)
alquaiito gli pani e maiidaiegli gli capelli doppo le spalle." Zu v. 540 ff. : „seza alcuno
riposso sempre gli andava quasi allato alle spalle: tanto chel suo fiato gli suetilana
gli capegli ..."
1) Vgl. oben, p. 14.
^) Wohl 147"2 zuerst in Mantua aufgeführt. Vgl. Carducci 1. c, p. LIX ff.;
Gaspary I.e., p. 218 ff'.; dazu neuerdings : A. D'Ancona, Origini del Teatro Italiano,
2. Aufl., Toiino, 1891, Appendice II: „II Teatro Mantovano nel secolo XVI," p. 349 ff.
Card. 1. c, p. 102.
Giostra I, 109, 1. c, p. 62.
— 30 —
„Poi segue, e'n sembianza si lagna
Come dicesse : O ninfa non ten gire :
Ferma il pie, ninfa, sovra la campagna
Ch' io non ti seguo per farti morire.
Cosi cerva leon, cosi Inpo agna,
Ciascuna il suo nemico suol fuggire
Me perclie fuggi, o donna del mio core,
Cui di seguirti e sol cagione amore?"^)
Da nun die Fasten des Ovid ebenfalls ein Hauptgegenstand der
Thätigkeit Polizians als öffentlicher Lehrer in Florenz (seit 1481) waren, ^'j
so spricht dies alles zusammen dafür, dass Polizian der gelehrte ßathgeber
Botticellis gewesen ist.
Schon vor Polizian hatte Boccaccio in seinem „Ninfale Fies'oJam/'
der Phantasie Ovids eine Verfolgungsscene nachgebildet :
Affrico ruft der davoneilenden Mensola zu : ^)
vei's C, „Per Dio, bella fanciiilla, non fuggire
Colui, che t'ama sopra ogni altra cosa:
Io son colui, che per te gran martire
Sento di e notte senza aver mai posa :
Io non ti seguo per farti morire *)
Ne' farti cosa che ti sia gravosa
Ma solo amor mi ti fa seguitare
Non nimistä, o mal ch' io voglia fare."
V. CIX malt Boccaccio die durch die Kleidung beschwerte Flucht
bis ins Kleinste aus :
1) Vgl. Met. I, 504:
„Nympha, precor, Penei mane! non insequor hostis;
nymjiha mane! sie agna hipum, sie cerva leonem,
sie aquilam penna fugiunt trepidante colnmbae,
hostes quaeque suos: araor est mihi causa sequendi
me miseriim! ne prona cadas indignave laedi
crura notent sentes et sum tibi causa doloris,
aspera, qua properas, loca sunt; moderatius oro,
curre fugamque inhibe; moderatius insequar ipse."
Vgl. Gaspary 1. c. II, p. 667. Aus einer Stelle in einem Briefe des Michael Verrinus
(t 1483, vgl. Epigr. des Polizian ed. del Lungo LXXX, p. 153) an Piere dei Medici
lässt sich (nach Menckens Vorgang) sogar schliessen, dass ein poetischer Commentar
zu den Fasten des Ovid, den Polizian in der Sprache und Art des latein. Gedichtes
verfasst hatte, in seinem Freundskreise cursirte. Der Brief, abgedruckt b. Mencken,
. . . Historia Vitae Angeli Poliziani, Lpzg., 1736, p. 609 : „Non sine magna voluptate,
vel potius admiratione, Poliziani tui poema, alterum Nasonis opus, legi. Dum enim
fastos, qui est illius divini vatis liber pulcherrimus, interpretatur, alterum nobis paene
effinxit, Carmen carmine expressit, tanta diligentia, ut si titulum non legissem, Ovidii
etiam putassem." Vgl. oben p. 11.
^) Citirt nach der Italienischen Duodezausgabe v. 1851. Vgl. dazu Zumbini.
Una Storia d'amore e morte, Nuovn Aiifo/o(//fi XLIV, 1884, 5.
■*) Poliz.. (iiostr. I. 109, 4: „Ch'io non ti segne per farti morire."
— 31 —
„Correa la Ninfa si velocemente,
Che parea che volasse, e i panni alzati
S'avea diuanzi per piü prestamente
Poter fugoire, e aveali attaccati
AUa cintiira, si che a^jertamente
Di sopra alli calzar, ch'avea portati
Mostra le gambe, e'l ginocchio vezzoso,
Che ognun ne saria stato disioso."^)
Auch Lorenzo dei Medici, „il Magnifico", der mächtige Freimd des
Polizian und dessen gleichgestimmter „Bruder in Apoll", lässt es in seinem
Idyll „Ambra" ^) bei einer Verfolgungsscene ganz ähnlich zugehen: Die
Nymphe Ambra flieht : ^)
„Siccome pesce, allor che in canto cuopra
II pescator con rara e sottil maglia
Fugge la rete qual sente di sopra
Lasciando per fuggir alcuna scaglia ;
Cosi la ninfa quando par si scuopra,
Fugge lo die che addosso se le scaglia
Ne' tu si presta, anzi fu si presto elli,
Che in man lusciolli alcun de' suoi capelli".
Der Flussgott Ombrone greift in seinem Eifer unsanft zu ; mit
Schmei'zen betrachtet er bald nachher den der Jungfrau entrissenen Haupt-
schmuck : *)
. . . ; e queste trecce bionde,
„Quali in man porto con dolore acerbo."
In Polizians Orfeo, jenem ersten Versuch, der italienischen Gesell-
schaft Gestalten der antiken Vorzeit leibhaftig vorzuführen, gebraucht der
Hirt Aristeo im Verfolgen der fliehenden Eurydice jene Worte, die Ovid
dem Apollo in den Mund legt, als er Daphne vergeblich zu erreichen
sucht. Aber nicht allein in diesem Stücke konnten die Künstler der-
artige erotische Verfolgungsscenen auf dem Theater sehen ; es muss dafür
*) Vgl. dazu ibid. v. LXIV.
Vgl. Gasp. 1. c. II, p. 244 ff.
•■') Poesie di Lorenzo de'Modici, ed. Barbüra, Bianchi Co. 1859, p. 270.
Ibid. p. 273. Als weitere Zeichen dafür, dass die Künstler jener Zeit das Thema
interessirte, seien einige frühe Verkörperungen der bildenden Kunst aufgeführt: No. 1,
Die früheste neuere Darstellung (Anfg. XVI) wäre wohl die Miniatur in einer Hs.
des British Museums (Christine de Pise), Harl. 4431, F. 136b. Vgl, Gray-Birch,
Early Drawings, London 1879. p. 92. No. 2, Holzschnitt des Meisters J. B. Berlin
Kpfstcbn. No. 3, Dürers Holzschnitt zu Celtes libri amorum (1502). No. 4, Caradosso,
Plakette, abg. b. Bode-Tschudi, Die Bildwerke d. christl.Epoche, Taf.XXXVIII, No. 785,
dazu ebend. Taf. XXXV, 785. Von den direkt illustrirenden Bildern im Text zu Ovid
(vgl. d. Ausgabe in Venedig v. 1497 ab bis in die Mitte des XVI. .Tahrh. hinein) ist
dabei abgesehen.
— 32 —
eine besondere Vorliebe vorhanden gewesen sein, da sich derartige ero-
tische Verfolgungsscenen mehrfach selbst in den wenigen erhaltenen Bei-
spielen früher mythologischer Schauspiele nachweisen lassen.
In der „Fabula di Caephalo" des Niccolo da Correggio, die den
21. Jan. 148G in Ferrara aufgeführt wurde, ^) flieht Procris vor Cefiilo ;
ein alter Hirt sucht sie mit den Worten aufzuhalten:-
„Dell non fuggir donzella
Colui che per te muore."
Mit der Mantuaner Handschrift des Orfeo ist auch eine andere mytho-
logische ßappresentazione erhalten, die bald „di PJieho et Phetonte", bald
„Pliebo et Cwpido" oder „Dafne" betitelt ist. Soweit man aus d' Anconas
Analyse ^) ersehen kann, schliesst sich das Stück durchaus an Ovids Meta-
morphosen an. Die Verfolgungsscene kam auch vor: „Dopo di che,
Apollo va pei boschi cercando Dafne, che resiste ai lamenti amorosi di
lui, esposti in un lungo ternale."
Das dritte Zwischenspiel in der Rappre>ientazione der 8. Uliva (1580
zuerst gedruckt) wird gleichfalls von einer Verfolgungsscene eingeleitet.^)
.... „e in questo mezzo esca in scena una Ninfa adornata quanta
sia possibile, e vada vestita di bianco con arco in mano, e vada per la
scena. Dopo lei esca un giovane pur di bianco vestito con arco, e ornato
leggiadramente senza arme, il quäle giovane, audando per la scena, sia
dalla sopradetta ninfa seguito con graude istanza senza jjarlare, ma con
segni e gesti, mostri di raccomandarsi e pregaido; egli a suo potere la
fugga 6 sprezzi, ora ridendosi di lei e or seco adirandosi, tanto ch'ella
finalemente fuori di ogni speranza rimossa, resti di seguirlo"
Sucht man nach direkten Nachbildungen solcher Theaterscenen, so
wird die Aufmerksamkeit wieder auf den Orfeo gelenkt: z. B. schliessen
sich die Darstellungen aus der Orpheussage auf jener Tellerreihe in dem
Museo Correo in Venedig, die dem Tivioteo V/ti zugeschrieben werden,
genau an Polizians Dichtung an. *)
Es sei auch noch andeutungsweise bemerkt, dass eine Reihe von
Kunstwerken, die Maenaden in antikisirender Nymjjhentracht darstellen,
wie sie in gewaltsamer Bewegung zum tötlichen Schlage gegen den am
Boden liegenden Or2)heus ausholen — es sind dies eine Zeiclmuvg aus der
Schule Mantegnas, ein anonijmer Kupferstich in der Hamburger Kunsthalle
und eine Zeichnung Dürers nach demselben — sehr wohl mittelbar oder
unmittelbar der Schlussscene des Orfeo nachgebildet sein können.^)
So würde sich auch die Mischung von Idealcostüm und Zeittracht
erklären.
') d'Ancona 1. c, p. 5.
L. c. II, 350.
^) Vgl. d'Aiicona, Sacre Rappresentazioni III, p. 2C8/'2Gi).
*) Abbildung der Verfolgungsscene bei Müntz, H. d. l'A. p. 1. R. II (1891j p. Iß5.
■'') Die angeführten Kunstwerke findet man zusammen abgebildet und besprochen
bei Ephrussi GdhA. (1878) I, p. 444/458.
— 33 —
Darf man annehmen, dass das Festwesen dem Künstler jene Figuren
körperlich vor Augen führte, als Glieder wirklich bewegten Lebens, so
erscheint der künstlerisch gestaltende Prozess naheliegend. Das Programm
des gelehrten ßathgebers verliert alsdann den pedantischen Beigeschmack ;
der Insj^irator legte nicht den Gegenstand der Nachahmung nahe, sondern
erleichterte nur dessen Aussprache.
Man erkennt hier, was Jacob Burckhard, auch hier unfehlbar im
Gesammturtheil vorgreifend, gesagt hat :
„Das italienische Festwesen in seiner höhern Cultur ist ein wahrer
Uebergang aus dem Leben in die Kunst." ^)
Es bleiben noch drei andere Einzelfiguren des Bildes zu benennen
und an die richtige Stelle zu reihen.
Das auf den Beschauer zuschreitende rosenstreiiende Mädchen ist —
trotz einzelner Abweichungen von der entsprechenden Figur auf der
„Geburt der Venus" — die Frühlingsgöttin. Wie jene trägt sie den
Rosenzweig als Gürtel ihres blumengemusterten Kleides. Dagegen hat
der Blätter kränz am Halse unterdessen Blumen aller Art hervorgetrieben,
auf dem Kopfe trägt sie ebenfalls einen Blüthenkranz, ja selbst die Korn-
blumen (?) auf dem Gewände haben sich voller entwickelt. Die Rosen, die
sie streut, bringen Zephyr und Flora hervor, denen sie voranschreitet. ^)
Das Gewand legt sich an das in Schrittstellung vorgesetzte linke Bein eng
an und flattert von der Kniekehle in flachem Bogen abwärts, um mit dem
unteren Saume fächerförmig gespreizt zu verflattern.
Der Gedanke für die Gewandmotive der Frühlingsgöttin nach einem
Analogon in der antiken Formenwelt zu suchen, legt auch hier ein
bestimmtes Monument nahe, wenngleich eine persönliche Beziehung Botti-
cellis zu demselben nur wahrscheinlich gemacht, nicht aber wie in den
vorhergehenden Fällen mit einiger Sicherheit behauptet werden kann.
In der Sammlung der Uffizi befindet sich die Gestalt einer Flora, ^)
die nach DiifschJces Angaben von V a s a r i bereits in der zweiten Hälfte
des XVI. Jahrhunderts im Palazzo Pitti gesehen wurde. Er beschreibt
sie mit besonderem Hinweis auf die Gewandung:
Una femmina con certi panni sottili, con un grembo pleno di varj
frutti, la quäle e fatta per una Pomona."*)
Ebenso wurde sie von Bocchi^) schon im Jahre 1591 mit den
Ergänzungen, die sie heute hat, in den Uffizi gesehen:
1) C. d. R. (1885)11, 132.
2) E. Foerster, Gesch. d. ital. Mal., Lpzg. 1872, III, p. 306/307, hielt die
beiden Windgötter auf der „Geburt der Venus" für Zephyr und Flora, eine Ver^
muthung, die sich in den vorliegenden Zusammenhang gut einfügen würde, der aber
schon allein die Thatsache, dass Beide als blasende Windgötter charakterisirt sind,
widerspricht.
3) Phot. AÜB. 11637; Cat. d. Uffizi, No. 74; Aut. Bw. III, p. 74, No. 121, vgl. Abb. 8.
*) Vgl. Vasari, Vite, ed. Livorno (1772) VII, p. 471 f. Neuerdings ist dieses Ver-
zeichnis der 26 Anticaglie in der Sala des Palazzo Pitti in den Rom. Mitth. d. Arch.
Inst. VII (1892), p. 817, von L. Bloch wieder abgedruckt.
^) Bocchi, Bellezze di Firenze, ed. Cinelli 1591, p. 102.
Warburg. ^
— 34 —
„A man destra poscia si vede una Dea Pomona, velata di panni
sottilissimi; da bellissima grazia, con frutte in mano, con ghirlandetta in
testa, ammirata dagli artefici sommamente."
Eine gewisse Aehnlichkeit in der
Behandlung der Gewandpartie, die sich
bei der Statue wie auf der Figur im
Bilde an das vorgestellte 1. Bein eng
anlegt und von der Kniekehle aus nach
unten geht, ist unbestreitbar vorhanden
und eine Anlegung an dieses (oder ein
derartiges) Vorbild ist um so eher denk-
bar, als auch der Gegenstand derselbe
ist: die Gestalt eines blumenbekränzten
Mädchens, das im Schooss des Gewandes
Blumen und Früchte trägt, aufgefasst
als persönliches Sinnbild der wieder-
kehrenden Jahreszeit. ^)
Für den Hermes bietet sich als un-
gefähres Analogon die Rückseite einer
Medaille des Niccolo Fiorentino für
Lorenzo Tornabuoni,^) dem Schüler
Polizians, zu dessen Hochzeit ja auch
das oben erwähnte Fresco aus der Villa
Lemmi gemalt wurde. Der Hermes ist
auch hier wohl als Führer der Grazien
gedacht, die auf dem Gegenstück, der
k « " "'WB^ Medaille für Giovanna Pomabuoni, ab-
1^ ^wmm^mmmmmm gebildet sind.')
Die äusseren Aehnlichkeiten der
Tracht des Hermes • — die Chlamys, das
Krummschwert, die Halbstiefel-Flügel-
schuhes, sind nicht so sehr bemerkenswerth, als die Thatsache, dass auch
diese Figur sich auf den Schaumünzen des Niccolo findet, dessen
Schöpfungen besonders für den von Polizian*) beeinflussten Theil der
Abb. 8. Marmorstatue der Uffizi.
Nach einer Photographie von Alinari in Florenz.
Der Kopf der Statue ist nach Dütscbke modern und „eine gute Renaissance-
arbeit." Bemerkenswerth ist, dass auch der Kopf der Frühlingshore Botticellis von
seinem üblichen Frauentypus etwas abweicht: das Gesichtsoval ist länglicher, die Nase
gerade, ohne jene starke aufgeworfene Nasenkuppe und der Mund etwas breiter.
Abg. z. B. Müntz, H. de 1' A. p. 1. R. I, p. 41.
In Florenz, Uffizi; vgl. Heiss I.e., Tab. VII, 3; Friedlaender, IbPrKss.
II, 243: „Ohne Umschrift. Schreitender Merkur, rechtshin, bekleidet, ein krummes
Schwert an der Seite, im rechten Arm den Schlangenstab.
•■>) Vgl. del Lungo L c, p. 72.
Niccolo verfertigte eine Medaille mit dem Bilde Polizians (Heiss 1. c. VI,
l u. 2) und auch von dessen Schwester Maria (1. c. VI, 3).
— 35 —
kunstverständigen Gesellschaft des damaligen Florenz bestimmt gewesen
zu sein scheinen.^)
Die Frühlingsgöttin steht an der 1. Seite ihrer Herrin, der Venus,
die den Mittelpunkt des Bildes bildet ; doch ehe sie uns als Herrscherin des
Ganzen vor Augen treten mag, sei noch der letzte ihrer Gefolgschaft, der
Hermes, welcher das Bild nach 1. abschliesst, nach seiner Herkunft befragt.
Als antiker Götterbote ist er durch die Flügel charakterisirt, die er
an seinem Stiefel trägt ; was er mit seinem Drachenstab, den er in der
erhobenen Rechten hält, thut, ist nicht mehr klar zu sehen.
Auf dem Buntdruck der Arundel-Society^) verscheucht er damit
einen Zug Wolken, wie ihn ja auch Bayersdorf er im Text zum M. B.
schildert. ^) "Worauf sich diese ßeconstruction stützt, ist ohne weiteres
nicht zu ersehen, jedenfalls kann man mit derselben eher „einen Sinn"
verbinden, als mit dem öfter ausgesprochenen Gedanken, dass der Hermes
sich mit den Früchten der Bäume zu schaffen mache.*)
Es ist dem Verfasser nicht recht gelungen für den Hermes ähnliche
Gestaltungen der zeitgenössischen Phantasie beizubringen.
Es geht ihm, wie es Seneca ging, als vor dem allegorischen Bilde
der Grazien das historische Wissen nicht mehr reichte :
„Ergo et Mercurius una stat, non quia beneficia ratio commendat
vel oratio sed quia pictori ita visum est."
Oder ob nicht eben dieser Zusatz zu der für das Programm des
Bildes so wichtigen Stelle des Seneca die Einbeziehung des Hermes
irgendwie nahe legte oder erleichterte'?^)
') Die drei Grazien auf der Rückseite der Medaille des Niccolo für Pico della
Mirandula, vgl.Litta, Fam. Celebr. Ital. weisen auf Beziehungen zur platonisirend-alle-
gorischen Auffassung der Venus. Ebenso könnte die „Venus Virgo" des Niccolo
(vgl. oben p. 24) Ideen, wie sie sich in Cristoforo Landinos Disputat. Camaldu-
lenses über die symbolische Auffassung der Aoneis finden, entspringen. Ueber die
Beziehung derartiger Kunstwerke zur gleichzeitigen platonisirenden Dichtung und
Philosophie darf man demnächst von berufener Seite Aufklärung erwarten.
Will man für die an spätrömische Gewandfiguren erinnernde Stellung und
Tracht der Venus ein Analogon, so sei z. B. auf das Elfeubeinrelief in Liverpool, die
Hygieia darstellend (Westwood, Fict. Ivor., p. 54) verwiesen; es gehörte zu der schon
Ende des XV. Jahrh. vorhandenen Sammlung Gaddi in Florenz. Vgl. Mo linier,
Plaquettes I, 42.
3) Vgl. oben p. 22; E. Foerster 1. c, p. 306/301: „bricht Blüthen vom Baum."
G. Kinkel, Mosaik zur Kgsch. 1876, p. 398: „schlägt Frucht von einem
Baum." W. Lübcke, Gesch. d. ital. Mal. 1878, I, p. 355: „ritterlicher Jüngling, im
Begriff, von einem der Lorbeerbäume einen Zweig abzubrechen." C. v. Lützow, Die
Kunstschätze Italiens 1884, p. 254: „schlägt die Frucht vom Baume."
•'■) Zufällig ist es selbst für die archäologische Forschung schwierig, einen
Hermes, der sich mit der Venus zusammen auf einer kleinen rothfigurigen Kanne
aus Athen abgebildet findet (Berlin. Mus. No. 2660), ikonographisch genaii zu
bestimmen. Die Worte, mit denen Kalkmann dabei die Unzulänglichkeit der
Methode gegenüber den complicirtesten Kunstschöpfungen beklagt, passen auch
genau für Botticellis Bild. Vgl. ArchäoL Jahrb. 1886, p. (231 ff.) 253: „Selten freilich
gestattet eine auf sonnigen Pfaden wandelnde Kunst, die ihren glücklichsten
Schöpfungen zu Grunde liegenden Gedanken ganz auszudenken und auf viele Fragen
giebt sie nur andeutende Antworten."
— 36 —
Nach den bisherigen Ergebnissen ist es eigentlich nicht anzunehmen,
dass sich der Hermes auf dem Bilde fände, ohne, nach Meinung des
Eathgebers Botticellis, irgendwie vorbildlich gewährleistet zu sein. Eine
ähnliche Zusammenstellung von göttlichen Wesen mit der Cyprischen
Venus als Mittelpunkt, bietet z. B. eine Ode des Horaz:^)
„0 Venus, regina Cnidi Paphique
Sperne dilectam Cypron et vocantis
Türe te multo Glycerae decorem
Transfer in sedem.
Pervidus tecum puer et solutis
Gratiae zonis ^) properentque Nymphae
Et parum comis sine te Juventas
Mercuriusque."
Nehmen wir an, dass anstatt der Juventas die Frühlingsgöttin ein-
gesetzt ist und dass das : „properentque Nymphae" durch die Verfolgung
Floras durch Zephyr weiter ausgemalt und durch ein klassisches Beispiel
illustrirt werden sollte, so haben wir dasselbe Gefolge wie auf dem Bilde
Botticellis. Dass eine derartige freie Nachbildung Horazischer Oden in
dem Gedankenkreise Felizians und seiner Freunde lag, beweist eine Ode
des Zanohio AcciajuoU^ ^) „Verls descriptio" betitelt.
Sie ist sogar in demselben Versmaass wie die citirte Ode des Horaz
gehalten ; Flora und die Grazien huldigen der Venus :
„Chloris augustam Charitesque matrem
Sedulo circum refovent honore
Verls ubertim gravid o ferentes
Munera cornu."
In der Mitte des Bildes steht Frau Venus als „„liebe Frau"" des
Gartenhains, umgeben von den Grazien und Nymphen des toskanischen
Frühlings". ^)
Wie die Venus des Lucrez, ist sie „als Sinnbild des alljährlich sich
erneuernden Naturlebens" ^) aiafgefasst :
„Te, dea, te fugiunt venti, te nubila coeli
adventumque tuum, tibi suavis daedala tellus
summittit flores, tibi rident aequora ponti
placatumque nitet diffuso lumine coelum" etc.
1) Od. I, XXX.
2) Vgl. oben p. 24.
Der Freund und Schüler Polizians, der 1495 dessen griechische Epigramme
herausgab. Vgl. del Lungo 1. c. p. 171.
*) Ms. Marucell. Flor. A. 82, abgedr. b. Roscoe, Leo X, ed. Hencke III, p. 596.
J. Bayer 1. c, p. 271.
*) Kalkmann 1. c, p. 252.
^) Lucrez, De rer. nat. I, v. 6 ff. Poggio hatte das Manuscript entdeckt. Vgl.
Roscoe, Life of Lorenzo I, 29, Heidelbg. 1825; vgl. Julia Cartwright, Portfolio
1882, p. 74: „The Subject of the picture . . . is said (von wem?) to have been suggested
to him by a passage of Lucretius: „It Ver et Venus etc.""
— 37 —
Ebendort (V, 735 ff.) wird die'Ankunft der Venus mit ihrem Gefolge
geschildert:
„It Ver et Venus et veris praenuntius ante
Pennatus graditur Zephyrus, vestigia propter
Flora quibus mater praespargens ante viai
cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet."
Aus einer Stelle in Polizians Rusticus, ^) (einem lateinischen bucoli-
schen Gedicht in Hexametern, das er 1483 gedichtet hatte) ersieht man,
dass Polizian diese Stelle des Lucrez nicht allein kannte, sondern sie fast
mit denselben Figuren erweiterte, die sich auf den Bildern Botticellis
finden. Diese Thatsache allein würde schon für den Beweis genügen, dass
Polizian auch für das zweite Bild der ßathgeber Botticellis gewesen ist.
Polizian beschreibt die Götterversammlung zur Frühlingszeit : ^)
„Auricomae, jubare exorto, de nubibus adsunt
Horae, quae coeli portas atque atria servant,
Quas Jove plena Themis nitido pulcherrima parta
Edidit, Ireneque Diceque et mixta parenti
Eunomie, carpuntque recenteis Pollice foetus :
Quas inter, stygio remeans Proserpina regno,
Comptior ad matrem properat: comes alma sorori
Et Venus, et Venerem parvi comitantur Amor es:
Floraque lascivo parat oscula grata marito:
In mediis, resoluta comas nudata papillas
Ludit et alterno terram pede Gratia*) pulsat
Uda choros agitat nais", u. s. w.
Will man für den „Frühling" des Botticelli die Bezeichnung dem
zeitgenössischen Ideenkreise entnehmen, so müsste man das Bild: II
regno di Venere", „das Reich der Venus" nennen.
Den Anhalt dafür geben wiederum Polizian und Lorenzo:
Polizian, Giostra I, St. 68— 70:^)
„Ma fatta Amor la sua bella Vendetta
Mossesi lieto pel negro aere a volo;
E ginne al regno di sua madre in fretta
Ov' e de' picciol suo' fratei lo stuolo
1) Vgl. Gaspary 1. c. II, p. 221.
2) Vgl. ed. del Lungo, p. 315, v. 210—220.
Wie die Frühlingsgöttin auf dem Bilde.
Vgl. (nach del Lungo) Horaz, Od. I, 4:
„ . . . Gratiae decentes
Alterno terram quatiunt pede."
Da wäre also auch die für das Concetto des Bildes vorauszusetzende Combination
von Lucrez und Horaz !
^) Ed. Carducci, p. 39. Vgl. dazu Ovid, Fast. IV, 92: „illa (sc. Venus) tenet nuUo
regna minora deo."
— 38 —
AI r e g n 0 ove G r a z i a si diletta,
Ove Belta di fiori al crin fra brolo,
Ove tutto lascivo drieto a Flora
Zefiro vola e la verde erba iiifiora."
St. 69:
„0 canta meco un po' del dolce regno
Erato bella che '1 nome hai d'amore" etc.
Mit St. 70 folgt dann die Beschreibung des Reiches der Venus im
engen Anschluss an Claudian:^j
„Vagheggia Cipri un dilettoso monte
Che del gran Nilo i sette corni vede etc."
Ein Sonett Lorenzos (1. c. XXVII.) j). 97 klingt wie eine freie Nach-
bildung der vorhin citirten Ode des Horaz:
„Lascia l'isola tua tanto diletta
Lascia il tuo regno delicato e hello,
Ciprigna dea; e vien sopra il ruscello
Che bagna la minuta e verde erbetta.
Viani a quest' onibra ed alla dolce auretta
Che fa mormoreggiar ogni arbuscello,
A' canti dolci d'amoroso augello.
Questa da te per patria sia eletta.
E SB tu vien tra queste chiare linfe,
Sia teco il tuo amato e caro figlio;
Che qui non si conosce il valore.
Togli Diana le sue caste ninfe;
Che sciolte or vanno senz' alcun periglio
Poco prezzando la virtü d'Amore."
Doch auch für Lorenzo gehören Zephyr und Flora dazu :
Aus den /Silve d'Amo7'e sei angeführt:^)
„Vedrai ne' regni suoi non piu veduta
Gir Flora errando con le ninfe sue
II caro amante in braccia 1' ha tenuta,
Zefiro; e insieme scherzan tutti e due."
Ebenso heisst es in der „Ambra" : ^)
„Zeffiro s' e fuggito in Cipri, e balla
Co' fiori ozioso per 1' erbetta lieta."
Damit vergleiche man Son. XV:*)
„Qui non Zeffiro, qui non balla Flora."
') Ueber die Nachahmung Claudians vgl. oben p. 9. Eben diese Stelle ist
schon von Boccaccio, Genealogia Deorum X. IV, ed. Basel 1532, p. 272, verarbeitet.
L. c, p. 186.
3) L. c, p. 264.
*) L. c, p. 80.
— 39 —
Es kann nicht mehr zweifelhaft sein, dass die Grebni^t der Venus
und der Frühling einander ergänzen :
Die Geburt der Venus stellte das "Werden der Venus dar, wie
sie aus dem Meere aufsteigend von den Zephyrwinden an das cyprische
Ufer getrieben wird, der sogenannte „Frühling" den darauffolgenden
Augenblick: Venus in königlichem Schmuck in ihrem Reiche
erscheinend; über ihrem Haupte in den Kronen der Bäume und auf dem
Boden unter ihren Füssen breitet sich das neue Gewand der Erde in
unübersehbarer Blüthenpracht aus und um sie herum, als treue Helfer
ihrer Herrin, die über alles, was der Blüthezeit gehört, gebietet, sind
versammelt : Hermes, der die "Wolken scheucht, die Grazien, die Sinnbilder
der Jugendschönheit, Amor, die Göttin des Frühlings und der "Westwind,
durch dessen Liebe Flora zur Blumenspenderin wird.
Dritter abschnitt.
DIE ÄUSSERE VEEANLASSUNG DER BILDER.
BOTTICELLI UND LEONARDO.
Die Abfassung der Giostra Felizians kann, wenn man den umsich-
tigsten Erwägungen Rechnung trägt, nicht vor dem 28. Januar 1475 (wo
das erste Turnier des Giuliano dei Medici stattfand) und nicht nach dem
26. April 1478 (dem Todestage des Giuliano) fallen. Das zweite Buch
des Gedichtes, das mit dem Gelöbniss des Giuliano schliesst, muss nach
dem 26. April 1476 fallen, da in diesem der Tod der „Nymj)he" Simonetta
erwähnt wird (II, 10, 8), denn der Nymphe Simonetta entsprach in Wirk-
lichkeit die aus Genua gebürtige schöne Frau des Florentiners Marco
Vespucci, Simonetta Cattaneo, die am 26. April, dreiundzwanzigjährig,
von der Schwindsucht hinweggerafft wurde. ^) Dass die beiden antikisirend-
allegorischen Bilder Botticellis ungefähr um dieselbe Zeit, wie das Gedicht,
entstanden seien, ist eine um so näher liegende Annahme, als auch nach
Jul. Meyers stylkritischen Erwägungen die Bilder etwa dieser Zeit
angehören würden.
Dafür sprechen auch folgende Erwägungen : Die Frühlingsgöttin ist
— abweichend von dem Gedicht, in welchem sie sich nur andeutungsweise
findet — auf beiden Gemälden zum unentbehrlichen Gliede des Ganzen
ausgestaltet. Freilich ist deutlich ersichtlich, dass Polizian in dem Gedicht
bereits alle Darstellungsmittel verwendete und Bilder, die zur Ausgestaltung
der Frühlingsgöttin, wie er sie Botticelli nahelegte, gehörten. Es wurde
oben ausgeführt, wie die Frühlingsgöttin auf Botticellis „Geburt der
Venus", in Tracht und Stellung den drei Hören gleicht, diß auf dem
fingirten Kunstwerk des italienischen Dichters die Liebesgöttin empfangen.
Gerade so entspricht die „Frühlingsgöttin" auf dem „Reich der Venus"
der „Nymphe Simonetta".
Nimmt man an, dass von Polizian verlangt wurde, Botticelli die
Wege zu zeigen, in einem Sinnbild das Andenken der Simonetta fest-
1) Vgl. A. Neri, La Simonetta. Giorn. Stor. Ital.Y (1885), p. 130 ff. Dort sind
auch die Klagegedichte des Bernardo Pulci und des Francesco Nursio Timideo
da Verona abgedruckt.
— 41 —
zuhalten, so war Polizian gezwungen, auf die besonderen Darstellungs-
mittel der Malerei Rücksicht zu nehmen. Das veranlasste ihn, die in
seiner Phantasie bereit liegenden Einzelzüge auf bestimmte Gestalten der
heidnischen Sage zu übertragen, um so die fester umrissene und deshalb
für die Malerei leichter zu verkörpernde Gestalt der Frühlingsgöttin,
welche die Venus begleitet, dem Maler als Idee nahezulegen.
Dass Botticelli die Simonetta gekannt hat, geht aus einer Stelle des
Vasari ^) hervor, welcher deren Profilbild, von Botticelli gemalt, im Besitz
des Duca Cosimo sah:
„Nella guardaroba del signor Duca Cosimo sono di sua mano due
teste di femmina in profilo, bellissime. Una delle quäle si dice fu l'inn-
amorata di Giuliano de' Medici, fratello di Lorenzo."
In der Giostra wird geschildert, wie Giuliano sie überrascht. „Sie
sitzt auf dem Grase, indem sie einen Kranz windet, und, als sie den
Jüngling erblickt, erhebt sie sich furchtsam, und ergreift mit anmuthiger
Bewegung den Saum des Kleides, dessen Schooss voll ist von den ge-
pflückten Blumen."^;
Goldene Locken umrahmen ihre Stirn, ^) ihr Gewand ist über und
über mit Blumen bedeckt, und wie sie hinwegschreitet und unter ihren
Füssen Blumen hervorspriessen : ^)
„Ma l'erba verde sotto i dolci passi
Bianca gialla, vermiglia azzurra fassi."
schaut ihr Giuliano nach:
„Fra se lodando il dolce andar Celeste
E' 1 ventillar dell' angelica veste".")
Sollte nun die Frühlmgshore auf dem Gemälde nicht allein, wie man
sieht, der Simonetta des Gedichtes Zug um Zug gleichen, sondern auch
wie jene das verklärte Bild der Simonetta Vespucci sein? Zwei Gemälde
können mit dieser Nachricht des Vasari zusammengebracht werden, das
eine befindet sich im kgl. Museum in Berlin, das andere in der Sammlung
des Städelschen Instituts in Fyanl'fnrf a. M. ^)
Beide zeigen einen Frauenkopf im Profil; auf einem langen Halse
setzt, fast in einem rechten Winkel das flachgewölbeten Kinn an. Der
Mund ist geschlossen, nur die Unterlippe hängt ein wenig nach unten.
Die Nase setzt wiederum fast rechtwinklig an die steile Oberlippe an.
1) Vas. Mil. III, 322.
2) Gaspary 1. c. II, p. 230, St. I, 47 n. 48.
3) I, 43.
*) I, 43 u. 47.
s) I, 55.
6) I, 56.
') Kgl. Mus. No. 106 A. Vgl. dazu J. Meyer 1. c, p. 39: „Ob (das Bild) es
wirklich die Geliebte Giulianos, die schöne Simonetta darstellte kann nur als
Vermuthung gelten. Ebend. p. 40, Abbildung (Radirung von P. Halm). Die Abb.
b. Müntz, H. d. l'A. p. 1. R. II, p. 641, ist ungenau.
8) Staedel, Ital. Saal, No. 11. Abb. b. Müntz, H. d. l'A. p. 1. R. II, p. 8. Auch von
Braun photogr.
— 42 —
Die Nasenkuppe ist etwas aufgeworfen, die Nasenflügel scharf durchge-
zogen ; hierdurch und durch die überhängende Unterlippe bekommt das
Gesicht einen resignirten Ausdruck. Die hohe Stirn , an die sich ein
langer Hinterkopf ansetzt, giebt dem ganzen Kopf ein quadratisches
Aussehen.
Beide Frauen haben eine phantastische „Nymphenhaartracht" ; die in
der Mitte gescheitelte Haarmasse ist zum Theil in perlenbesetzte Zöpfe
geflochten, zum Theil fällt sie frei an den Schläfen und im Nacken
herab.
Ein frei flatternder Schopf wallt, ohne durch die Körperbewegung
begründet zu sein, nach hinten.
Schon 1473 hatte PoUzian in einer Elegie ^) die jung verstorbene
Albiera d'Alhizzi mit einer Nymphe der Diana verglichen; das tertium
comparationis waren auch hier die Haare : ^)
„Solverat effusos quoties sine lege capillos
Infesta est trepidis visa Diana feris"
und ebend. v. 79 ff. : ^)
„Emicat ante alias vultu pulcherrima nymphas
Albiera, et tremulum spargit ab ore jubar.
Aura quatit fusos in Candida terga capillos
Irradiant dulci lumina nigra face."
Polizian muss für den Hauptschmuck der Frauen eine besondere
Vorliebe gehabt haben; man lese nur von seiner Ode „in puellam
SU am" V. 13, 25:
„Puella, cujus non comas
Lyaeus aequaret puer,
Non pastor ille amphrysius
Amore mercennarius,
Comas decenter pendulas
Utroque frontis margine,
Nodis decenter aureis
Nexas, decenter pinnulis
Ludentium Cupidinum
Subventilantibus vagas,
Quas mille crispant annuli,
Quas ros odorque myrrheus
Commendat atque recreat."
Dem Frankfurter Bild (welches schon äusserlich durch die Gemme
mit der Bestrafung des Marsyas *) auf eine Beziehung der Dargestellten
zu den Medici hinweist) liegen dieselben Züge, wie dem Berliner Bild zu
Grunde, nur dass in Folge der äusserlichen Vergrösserung des Kopfes
(er ist überlebensgross) die Züge leerer erscheinen.
del Lungo 1. c, p. 38.
2) L. c, p. 240, V. 33 ff.
3) L. c, p. 242.
Vgl. Müntz, Prec. d. 1. R., Taf. zu p. 91. Dazu Bode, IbPrKss. XII (1891), p. 167.
— 43 —
Es macht den Eindruck, als sei dieses Bild später als das Berliner
Bild der Simonetta iu der Werkstatt Botticellis, etwa wie eine Reproduction
eines beliebten Idealkopfes angefertigt.
Oben auf dem Haar trägt sie eine Agraffe mit Federn ; solche
„Nymphen" mit Federn im losen Haar, Bogen und Pfeilen sah man schon
im Juni 1466 bei einer Griostra in Padua ^) einherschreiten ; sie gingen
einem "Wagen voraus, auf dem der Parnass mit Merkur auf der Spitze
zu sehen war; am Fusse des Berges sassen um den castalischen Quell die
Musen. In einem Bericht eines Augenzeugen heisst es :
„Vedeansi poscia venire dieci Ninfe in bianca veste colle chiome
sparse sul collo , con pennacchi d'oro in capo , armate d'arco e
faretra, a foggia di cacciatrici."
Vergleicht man das Profilbild der Frühlingsgöttin auf der „Geburt
der Venus" mit den beiden genannten Bildern der Simonetta, so steht
dem Gedanken nichts entgegen, dass wir auch auf dem Gemälde nicht
nur die zur Nymphe idealisirte Simonetta vor uns haben, sondern auch
das Abbild ihrer Gesichtszüge.
Wie auf den Portraits setzt auf einem langen Halse der quadratische
Kopf an mit der symmetrischen Dreitheilung der Profillinie durch Stirn,
Nase und Mund mit Kinn. Der Mund ist geschlossen, die Unterlippe
hängt etwas vor.
Die Identität mit der auf dem Berliner Bild dargestellten Frau
würde noch sicherer festzustellen sein, wenn die Frühlingsgöttin den
Kopf nicht etwas erhoben hätte und wenn andererseits der Kopf auf dem
Berliner Bilde in strengerem Profil gehalten wäre : der Mund würde dann
kleiner, die Augenbraue höher geschwungen erscheinen und der Aug-
apfel wäre dann nicht mehr in voller Rundung sichtbar.
Ein Profilbild mit der Unterschrift „Simonetta Januensis Vespuccia"
im Besitze des Herzogs von Aumale ^) müsste als Ausgangspunkt für die
Vergleichung dienen, wenn das Bild nicht dem Piero di Cosimo^j zuzu-
schreiben wäre, welcher 1462 geboren wurde, so dass das Bild nicht nach
dem Original angefertigt sein kann. Sie ist als Kleopatra dargestellt, wie
sie der tödtliche Biss der Schlange trifft.
Selbst aus der schlechten Nachbildung im l'Art (1887, p. 60) kann
man erkennen, dass es sich auch in diesem Falle um denselben Typus
■) Vgl. Giov. Visco, Descrizione della Giostra seguita in Padua nel Giugno 1466,
p. 16. Per nozzi Gasparini-Brusoni, Padova 1852. Man sieht hier wieder, wie das
damalige antikisirende Festwesen mit dem formalen Einfluss der Antike zusammen-
liängt. Ueber die „Nymphen" vgl. besonders oben p. 16 f. Schon 1454 sah man sie bei
einer Procession am Gehurtsfest Johannes d. T. ; vgl. Cambiagi, Memorie istoriche
per la Nativita di S. Gio. Battista, 1766, p. 65 IF., p. 67 (nach Matteo Palmieri):
„Ventesimo [carro] Cavalleria di treRe, Reine e Damigelle, e Ninfe, con cani, e altre
appartenenze al vivo."
2) ChantiUy, Abb. l'Art, 1887, p. 60.
3) Vgl. Frizzoni (zu Vas. Mil. IV, 144), Arch. Stor. Ital. 1879, p. 356/57, und
Bode, Berl. Cat., p. 58. Schon Georges Lafenestre, GdhA. 1880, II, p. 376, Abb.
p. 482, p. 482, stellte dies Portrait mit der Simonetta in der Giostra zusammen.
— 44 —
handelt, nur ist alles weicher wiedergegeben; der Ha^rputz, der weiter
hinten am Kopfe ansetzt, ist ebenfalls „phantastisch" mrt Perlen verziert,
aber ohne flatternde Enden.
Dass die ihr Gesicht dem Beschauer voll zuwendende Frühlingsgöttin
im „Reich der Venus" gleichfalls die — wenn auch idealisirten — Züge der
Simonetta trägt, ist allein schon wegen der von dem üblichen Typus Botticellis
abweichenden Formen wahrscheinlich , doch lässt sich der zwingende
Beweis erst durch eine Untersuchung der Proportionen erbringen. ^)
Vier Sonette ^) Lorenzos legen ein beredtes Zeugniss für den tiefen
Eindruck ab, den der Tod der Simonetta machte. Lorenzo hielt dieses
Erlebniss und den poetischen Ausdruck, den er dafür gefunden hatte, für
bedeutsam genug, um die Sonette nach Art der Vita Nova Dantes, mit
einem Commentar zu begleiten, in dem er die Stimmung, der jedes ein-
zelne Gedicht sein Entstehen verdankte, ausführlich beschreibt.
In dem ersten Sonett glaubt Lorenzo Simonetta in einem glänzen-
den Stern wieder zu erblicken, den er des Nachts, als er ihrer trauernd
gedenkt, am Himmel erblickt. In dem zweiten Sonett vergleicht er sie
mit der Blume Clizia, die nun vergeblich auf den wiederkehrenden An-
blick der Sonne, der ihr neues Leben giebt, hoffe. In dem dritten Sonett
beklagt er ihren Tod, der ihm alle Freude geraubt habe, Musen und
Grazien sollen ihm klagen helfen. Das vierte Sonett ist der Ausdruck
seines tiefsten Schmerzes. Er sieht keinen anderen Ausweg, dem zer-
störenden Gram zu entfliehen, als den Tod.
Wenn man sich denkt, dass das „Reich der Venus" seine Veranlas-
sung in einem ernsten Erlebniss hat, so lässt sich auch Haltung und
Stellung der Venus eher verstehen; sie blickt den Beschauer ernst
an, den Kopf beugt sie etwas nach ihrer rechten Hand hin, die sie
mahnend erhebt.
Ganz ähnlich hat Botticelli die Worte illustrirt, die Dante der Mathilde
in den Mund legt, als sie ihn auf das Herannahen der Beatrice aufmerk-
sam macht.
„Quando la donna tutta a me si torse,
Dicendo: Guarda frate mio ed ascolta."^)
Ebenso mag die Venus mit Lorenzos Worten,*) inmitten der ewig
jungen Geschöpfe ihres Reiches, auf den vergänglichen irdischen Abglanz
ihrer Macht weisen:
„Quant e bella giovinezza
Che si fugge tuttavia
Che vuol esser lieto, sia
Di doman non c' e certezza."
») Vgl. unten p. 47.
2) Ed. Barbera, p. 35—63.
3) Vgl. Botticellis Zeichnungen im Berl. Kpfstchcb. Purgatorio, Canto XXIX,
14/15. Die rechte Hand ist fast rechtwinklig zum Arm erhoben und mit der Fläche
nach aussen gekehrt; der Kopf nach 1. zu Dante gewendet und ebenso beide Augen-
sterne. Die 1. Hand liegt über dem 1. Oberschenkel; da sie hier aber keinen Mantel
zu halten hat, so scheint die Bewegung ohne Zweck.
^) Lorenzo, Tx-ionfo di Bacco ed Arianna 1. c, p. 423.
— 45 —
Aus einer ähnlichen Stimmung heraus ruft Bernardo Pulci in
seinem Klagegedicht den Olympiern zu, sie sollten doch der Erde die
„Nymphe" Simonetta, die jetzt unter ihnen weile, wieder zurücksenden:^/
V. 1. „Venite, sacre e gloriose dive,
Venite, Grazie lagrimose e meste
Accompagnar quel che piangendo scrive.
V. 10. Nymphe se ivi sentite i versi miei
Venite presto et convocate Amore
Prima che terra sia facta costei.
V. 145. C i p r i g n a, se tu hai potenza in cielo,
Perche non hai col figliuol difesa
Costei, de' r e g n i tuoi delizia e zelo ?
V. 166. Forse le membra caste e peregrine
Solute ha Giove, e le nasconde in terra,
Per mostrar lei fra mille altre divine
V. 169. Poi ripor la vorrä piii bella in terra,
Si che del nostro pianto il ciel si vide
Et vede el creder nostro quanto egli erra.
V. 191. Nympha, che in terra un freddo saxo cojire
Benigna Stella hör sa nel ciel gradita
Quando la luce tua vie si scopre
Torna a veder la tua patria smarrita. " ^)
In dem Bilde der Frühlingsgöttin , die die Venus begleitet und
damit die Erde zu neuem Leben wiedererweckt, dem tröstlichen Symbol
des sich erneuernden Lebens, mögen — - das sei hier hypothetisch ausge-
sprochen — Lorenzo und seine Freunde die Erinnerung an die „Bella
Simonetta" bewahrt haben.
P. M üll e r- Wal d e giebt in dem ersten Theil seines Leonardo
Andeutungen, die darauf schliessen lassen, dass er sich das Milieu, dem
einige Zeichnungen Leonardos ihren Ursprung verdanken, ähnlich vor-
stellt, wie es in der vorliegenden Arbeit für Botticelli darzustellen versucht
wurde. Nur dass er die Anregungen von dem Anblick des Turnieres
selbst und nicht haiiptsächlich von dem Gedichte Polizians ausgehen lässt.
Und doch lassen sich gerade die "Windsorzeichnungen (b. M. W. Abb.
38 — 39) durch die in Polizians Festgedicht vorkommenden Gestalten aus-
reichend erklären, während „das gepanzerte Mädchen", „der Jüngling mit
') Vgl. A. Neri 1. c, p. 141—146.
^) Zu der Idee der Wiederkehr der Simonetta als Göttin vgl. P o 1 i z i a n ,
Giostra III, 34, 4:
„Poi vedea lieta in forma di Fortuna
Sorger sua ninfa, e rabbellirsi el mondo
E prender lei di sua vita governo
E lui con seco far per fama eterno."
^) Leonardo da Vinci, Lebensskizze und Forschungen über sein Verhältnis
zur Florentiner Kunst und zu Rafael, München 1889, p. 74 fi".
— 46 —
dem Speere" oder die „Beatrice" nur schwer in Zusammenhang mit der
Giostra selbst gebracht werden können.
Der „Jüngling mit dem Speere" ^) ist eben der Griuliano der „Giostra"
Polizians, in dem Augenblicke dargestellt, wie er als Jäger, mit Hifthorn
u.nd Speer zur „Nymphe", die er verfolgt, hinblickt und sie sich zu ihm
zurückwendet. Die „Simonetta" aber stellt doch wohl jene Frauenfigur
vor, die M. W. „Beatrice" ^) nennt. Sie hat ihr Kleid im Schreiten auf-
genommen — Haar und Gewand der „Nymphe" flattern noch im Winde —
und wendet nun den Kopf zu Giuliano zurück, um ihm auf Florenz hin-
deutend zu sagen: ^)
„lo non son qual tua mente in vano augeria
Non d' altar degna non di pura vittima
Ma lä sovr' Arno nella vostra Etruria
Ho soggiogata alla teda legittima."
„Das gepanzerte Mädchen" könnte dann das Bild der Simonetta,
Giuliano im Traume erscheinend, sein: *)
„Par gli veder feroce la sua donna
Tutta nel volto rigida e proterva
Armata sopra alla Candida gonna
Che '1 casto petto col Gorgon conserva."
Der reitende Jüngling (Abb. 38) wäre dann Giuliano zum Turnier
ausziehend und bei dieser Zeichnung kann sehr wohl — wie M. W. will —
die Erinnerung an das Turnier selbst zur Ausgestaltung der Einzelheiten
beigetragen haben.
Das eng anliegende Gewand mit den flatternden Enden, welches
Simonetta („Beatrice") trägt, entspricht nicht allein der Schilderung
Polizians, sondern ist auch für Leonardo so recht das Kennzeichen einer
antiken Nymphe.
Es geht das aus einer Stelle seines Trattato hervor : ■'')
. . . „ma solo farai scoprire la quasi uera grossezza delle membra ä
una ninfa, o' uno angello, Ii quali si figurino vestiti di sotili vestimenti,
sospinti o' inpressi da soffiare de venti ; a questi tali et simili si potra
benissimo far scoprire la forma delle membra loro.""
>) Abb. 36. Sein Kopf ist idealisirt.
^) Abb. 39. Dann freilich ohne jeden biidnisartigen Zug.
^) Giostra I, 51, 1 flF.
*) Giostra II, 28. Auch MüUer-W. sieht in ihr die Simonetta; „die verschie-
denen Umstände", die ihn auf diesen Gedanken bringen, mögen ähnliche wie die hier
angeführten sein, wie denn der Verf. gerne M.-W. für Manches als Zeugen und Ge-
währsmann angeführt hätte; die Belege sind aber, in Folge der eigenthümlichen
Anlage des Werkes, den Behauptungen — es liegen jetzt schon drei Jahre dazwischen —
noch nicht nachgefolgt.
'6) Ed. Ludwig (Wien 1888) I, p. 528, No. 539. Quellenschr. f. KgscJi. XV. Zu
derselben Stelle bringt auch .7. R. Richter, Leonardo, 1883, p. 200, diese Zeichnung bei.
— 47 —
Noch deutlicher stellt Leonardo an anderer Stelle die Antike als
das maassgebende Vorbild für Bewegungsmotive hin : ^)
. . . „et imita, quanto puoi, Ii greci e latini co'l modo
del scoprire le membra, quando il uento apoggia sopra
di loro Ii panni."
Als Ergebniss dieser kunst - theoretischen "Würdigung der Antike
kann man die wild bewegte weibliche Figur auf dem Stuckrelief ^) im
Kensingfon-MuHenm ansehen, deren Vorbild in einer antiken Maenade
(etwa Hausers Typ. 26) zu suchen ist. Dass Leonardo ein derartiges
neu-attisches Relief bekannt war, geht auch aus einer Eöthelzeichnung in
der Ambrosiana hervor, auf welcher ein Satyr mit einem Löwen dar-
gestellt ist (etwa Hausers Typ. 2'2 entsprechend).^)
Der Nachweis , wie die verschiedenen Simonettabilder zusammen-
hängen, kann jedoch erst durch eine eingehende Untersuchung über den
Einfluss der Antike auf die Proportionen — ein Gegenstück zur vor-
liegenden Arbeit — geführt werden. Den Ausgangspunkt für diesen zweiten
Versuch giebt wiederum Botticelli (in dem Frankfurter Bild der Simonetta);
doch wird im Laufe der Darstellung Leonardo als der eigentliche Be-
arbeiter des Problems in den Vordergrund treten müssen.
Nur noch an einer einzigen anderen Stelle nämlich beruft sich
Leonardo auf die Antike: auf Vitruv in Betreff der Proportionen des
menschlichen Körpers. *j
Gelänge es. den Einfluss der Antike auf die Gedanken der Früh-
renaissance über die Proportionen klarzulegen, so hätte man dafür Rück-
halt in den Worten jenes Künstlers, der einen unübertroffenen Sinn für
das Einzelne und Besondere mit einer ebenso starken Fähigkeit, das
Gemeinsame und Gesetzmässige zu schauen, verband, deshalb sicherlich —
weil er nur auf sich zurückzugreifen gewohnt war — die Antike nur da
gelten Hess, wo sie ihm als achtunggebietendes Vorbild erschien, das für
ihn und seine Zeitgenossen noch eine lebendige Macht war.
') L. c, p. 523. Leonardo war gerade in den Jahren, wo man anzunehmen hat,
dass Botticelli an seinen Venusallegorien arbeitete (also etwa 147() — 1478) in der Werk-
statt Verrocchios. Vgl. Bode, IbrrKss. III (1882), p. 288.
Von Müller-W. Leonardo zugeschrieben und als Abb. 81 publizirt.
3) Vgl. die Zeichnung des Sa7i Gallo, abg. Müntz, H. d. l'A. p. 1. R. I, p. 238
dazu Haus er 1. c, p. 17, No. 20.
*) Vgl, J. P. Richter I, p. 182. Ebend. Abb.
— 48 —
Sandro Botticelli besitzt für jedes scharf umgrenzte Object im
ruhigen Zustand das aufmerksame Auge des Florentinischen „Goldschmied-
Malers" ; das macht sich bei der Wiedergabe des Beiwerks in der liebe-
vollen Genauigkeit geltend, mit der jede Einzelheit beobachtet und wieder-
gegeben wird.
"Wie sehr das klare Detail das Grundelement seiner künstlerischen
Auffassung ist, geht daraus hervor, dass er dem „Stimmungsvollen" der
Landschaft keinen künstlerischen Werth beimaass.
Leonardo berichtet nämlich von ihm, dass er zu sagen pflegte,
„Land Schaftsmalen hätte keinen Sinn; man brauche ja nur einen mit
verschiedenen Farben getränkten Schwamm an die Wand zu werfen und
man könne sodann in dem Flecken die schönste Landschaft sehen".
Leonardo, der Botticelli wegen dieses mangelnden Sinnes für die
Landschaft den Charakter eines „pittore universale" abspricht, fügt hinzu :
— „e queste tal pittore fece tristissimi paesi."
Während Botticelli die aufmerksame Detailbeobachtung mit den
meisten seiner künstlerischen Zeitgenossen gemeinsam hat, führte ihn eine
besondere Vorliebe für ruhige Seelenstimmung dazu, bei der Wiedergabe
menschlicher Gestalten den Köpfen jene träumerische, passive Schönheit
zu verleihen, die heute noch als das besondere Merkmal seiner Schöpfungen
bewundert wird.^)
Von manchen Frauen und Jünglingen Botticellis möchte man sagen,
sie seien eben erst aus einem Traume zum Bewusstsein der Aussenwelt
erwacht, und, obgleich sie sich der Aussenwelt wieder thätig zuwenden,
durchklängen noch die Traumbilder ihr Bewusstsein.
Es ist klar, dass Botticellis künstlerisches Temperament, das von
dieser Vorliebe für ruhige Schönheit ^) getragen wird , eines äusseren
Anstosses bedarf, um Scenen leidenschaftlicher Erregung als Vorwurf zu
wählen und Botticelli ist um so bereitwilliger, die Ideen Anderer zu
illustriren, als ihm dabei die zweite Seite seines Charakters, der Sinn für
detaillirte Schilderung, vortrefflich zu Statten kommt. Aber nicht allein
deshalb fanden Felizians Inventionen bei Botticelli ein geneigtes Ohr und
eine willige Hand ; die äussere Beweglichkeit des willenlosen Beiwerks,
der Gewandung und der Haare, die ihm Polizian als Characteristicum
antikischer Kunstwerke nahelegte, war ein leicht zu handhabendes, äusseres
Kennzeichen, das überall da angehängt werden konnte, wo es galt, den
Schein gesteigerten Lebens zu erwecken, und Botticelli machte von dieser
Vgl. H. Ludwig 1. c. I, p. 116, No. 60: „ . . . come disse il nostro boticella,
che tale studio era uano, perche col solo gittare d'una spunga piena di diuersi colori
in un muro esse lasciana in esso muro una machia, dove si uedeua un bei paese."
Die folgenden Bemerkungen können nur als ergänzende Zusätze zu .Jul. Meyers
ausführlicher iind erschöpfender Analyse gelten.
^) Der Dualismus zwischen Betheiligtsein und Ahgewendetsein wird Botticellis
Gesichtern physiognomisch auch dadurch gegeben, dass das Glanzlicht im Auge nicht
punktförmig in der Pupille, sondern in der Iris sitzt, die manchmal auch kreisförmig
aufgehellt ist. Dadurch erscheint das Auge den Gegenständen der Aussenwelt zwar
zugewendet, aber nicht scharf auf diese eingestellt.
— 49 —
Erleichterung der bildlichen Wiedergabe erregter oder auch nur innerlich
bewegter Menschen gerne Gebrauch.
Im XV. Jahrhundert verlangt „die Antike" von den Künstlern nicht
unbedingt das Zurücktreten der durch eigene Beobachtung selbst errungenen
Ausdrucksformen — wie es das XVI. Jahrhundert bei der Verkörperung
antiker Stoffe auf antike Art verlangt — sondern lenkt nur die Aiifmerk-
samkeit auf das schwierigste Problem für die bildende Kunst, auf das
Festhalten der Bilder des bewegten Lebens.
Wie sehr die Florentiner Künstler des Quattrocento von dem Gefühl
durchdrungen waren, dem Alterthum gleich zu sein, zeigt sich in einer
Reihe von energischen Versuchen, in dem eigenen Leben ähnliche Formen
zu finden und aixf Grund eigener Arbeit auszugestalten. Führte dabei
der „Einfluss der Antike" zu gedankenloser Wiederholung äusserlich
gesteigerter Bewegungsmotive, so liegt das nicht an „der Antike", aus
deren Gestaltenwelt man ja auch — seit Winckelmann — mit der gleichen
Ueberzeugung für das Gegentheil, der „stillen Grösse", die Vorbilder
nachgewiesen hat, sondern an dem Mangel künstlerischer Besonnenheit
der bildenden Künstler.
Botticelli war schon einer von denen, die allzu biegsam waren.
„Je mehr es aber gelingt, einem Meister wirklich nahe zu kommen,
sagt Justi,*) und ihn durch unermüdliches Fragen zum Sprechen zu
bringen, desto strenger erscheint er in seinen Werken wie in eine eigene
Welt eingeschlossen. Um mich scholastisch auszudrücken, jenes Allgemeine
von Stamm, Schule und Zeit, das er von Andern hat, mit Andern theilt
und auf Andere vererbt, ist nur sekundäres Wesen (beuiepa oücria), das
Individuelle, Idiosynkrasische, seine erste Substanz (Trpuüxri ouOia). Das
Merkmal des Genius ist also die Initiative."
Darzustellen, wie sich Sandro Botticelli mit den Anschauungen seiner
Zeit über die Antike, wie mit einer Widerstand oder Unterwerfung for-
dernden Macht auseinandersetzte und was davon seine „zweite Substanz"
wurde, war das Ziel der vorliegenden Untersuchung.
1) Diego Velazquez, Bonn 1888, I, p. 123.
4
Inhalt.
Vorbemerkung
Seite
. 1
I. „DIE GEBÜßT DER VENUS."
Seite
Der Homerische Hymnus und Poli-
zianos Giostra 1
L. B. Albertis Kunsttheorie ... 5
Agostino di Duccios Verhältniss zu
Alberti und zur antiken Skulptur 7
Polizian als Nachahmer Ovids und
Claudians 8
Polizian als gelehrter Rathgeber
Botticellis 10
Der „Frühling" der Hypnerotomachia
Poliphili 12
Die Zeichnung von Chantilly ... 13
Seite
. 15
Der Sarkophag der Woburn Abbey
Die Beschreibung des Reliefs bei
Pirro Ligorio 16
Filaretes „Nymphen" u. die „Aurae"
des Plimius 17
Anhang. „Die verschollene Pallas."
Paolo Griovio und die Impresa Poli-
zianos für Piero de' Medici . .
Der Holzschnitt zur Giostra-Ausgabe
von 1513
Botticellis Zeichnung in Mailand .
18
19
20
II. „DER FRÜHLING."
Die drei Grazien. Seite
Alberti und Seneca 23
Die drei Grazien im Codex Pighianus 24
Die drei Grazien auf dem Fresco der
Villa Lemmi 25
Die Medaille des Niccolo Fiorentino 26
Die Brauttruhe in Hannover ... 26
Zephyr und Flora.
Ovids Einfluss 27
Polizian und Ovid 28
Boccaccio und Ovid 80
Lorenzo de' Medicis „Ambra" ... 81
Polizians Orfeo u. die Verfolgungs-
scene auf dem frühen ital. Theater 32
Die Frühlingsgöttin. Seite
Die Statue der Uffizi 83
Der Hermes.
Die Medaille des Niccolo Fiorentino 34
Senecas Mercur 35
Die Ode des Horaz 86
„Das Reich der Venus."
Die Ode des Acciajaoli 36
Lucrez, Horaz u. Polizians Rusticus 87
Lorenzos Sonett 38
III. DIE ÄUSSERE VERANLASSUNG.
Seite
Die „Nymphe" Simonetta bei Polizian 40
Die Bilder der „Nymphe" Simonetta 41
Lorenzo und der Tod der Simonetta 44
Bernardo Pulcis Klagegedicht . . 45
Seite
Botticellis und Leornardos
Verhältnis zur Giostra und
zur Antike 47
ABBILDUNGEN.
Abb. 1. Die „Geburt der Venus" zu
Abb. 2. Der „Frühling" der Hyp-
nerotomachia Poliphili . .
Abb. 3. Zeichnung in Chantilly . .
Abb. 4. Sarkophag der Woburn
Abbey
Seite
1
12
14
15
Seite
Abb. 5. Holzschnitt der Giostra-
Ausgabe von 1513 ... 19
Abb. 6. Zeichnung Botticellis in
Mailand 20
Abb. 7. Der „Frühling" ... zu 22
Abb. 8. Marmorstatue der Uflizi . 34
Druckerei von August Osterrieth in Frankfurt a. M.
THE WARBURG INSTITUTE
LONDON
THE WARBURG INSTITUTE serves and promotes
research on the survival and revival of classical antiquity in
art, life and religion, This renaissance is to be found not
only in the „classicism" of a period, its perfect poise, or
serenity of attitude and emotion, but also in the appre-
ciation ofthat side of the pagan temperament which breaks
forth in violent gestures, dramatic ritual, festivals and
dances. This leads to the question of what antiquity signifies
in the various epochs, cultural centres and fields of human
activity ; in what form it is received ; how it is transformed
or re-interpreted ; and shows how there survives, throughout
the ages, a sort of ineradicable pagan demonism — which
Christianity had to defy or tolerate — that monopolized
entire realms of thought and life such as those of astrol-
ogy, magic, legends and populär customs. On the other
band, the creations of Greek and Roman mythology, art
and philosophy are apt to re-emerge from their disguises,
whether oriental or western, fantastic or domesticated, and
humanism gives them back their Olympian character, in
essence as well as in form.
The means of transmission, through which the „social
memory" allows cultural phenomena of one period to appear
at a later time and under utterly different social and in-
tellectual circumstances, are called Symbols. Images such
as the heathen gods and goddesses; myth and ritual of
religious origin; gestures as created by art; metaphors in
language; rites and customs of social life, are expressive of
certain fundamental psychological processes. They belong
to primitive cultures and complicated historical civilizations
alike; they are transmitted through the centuries with
2
astonishing tenacity and, once created, possess a vitality
which causes them to be taken both as challenges and as
models. In the case of European civilization, Greek art and
mythology constituted, as it were, maximum values of
expressive force, and for good or for evil Europe turned to
these time and again. The phenomenon, however, of the
original evolution of Symbols, and of their transmission and
transformation through subsequent strata of civilisation, is
not limited to European conditions alone : it may be studied
even better in primitive cultures, where the creative process
is less encumbered by intellectual accessories.
This method of treating historical facts will not permit of
their being taken separately. The importance of a work of
art, considered in its expressive value, is only to be under-
stood if its religious significance, its intellectual background,
and the surrounding social and political circumstances are
taken into account. It follows, therefore, that the history
of art should not be studied independently, but rather in
its interaction with other branches of learning, which in
their turn demand the same elaboration.
This method makes the Warburg Institute a centre for
scholars of various descriptions; anthropologists, theologians
and historians of religion, mediaevalists, psychologists,
folklorists, philologists and antiquaries find their own
materials arranged in such a manner as to suggest certain
interactions with and relations to other subjects. The
conception of history as a unit results in the abolition of
barriers between the different fields of research, and does
away with narrow specializations. Thus the old idea of
the „Universitas Litterarum", last realized in the eighteenth
3
Century, is again attempted by making the formation and
transniission of Symbols the central theme, and the ,,Sur-
vival of the Classics" its chief, though not its only field of
application.
The promotion of these studies is served by the foUowing
Instruments.
(1) The lihrary is organised in such a way that the different
subjects become visibly inter-connected in the arrangement.
At present it comprises the foUowing main sections, and
numbers about 80,000 volumes in all:
First Section: Religion, Natural Science, and Philosophy.
I. Anthropology and Comparative Religion.
II. The Great Historical Religions, showing the development from
Oriental to Classical Paganism, and thence through Late Paganism
to Christianity.
III. History of Magic and Cosmology, illustrating the development from
Alchemy to Chemistry, from the Lore of the Medicine-Man to the
Science of Medicine, and from Astrology to Astronomy.
IV. History of PhUosophical Ideas, two special questions having been
singled out: a history of Platonism leading from Plato to Neo-
Platonism and its revival in Renaissance thought, and a history of
Aristotelian Philosophy, its commentaries and translations.
Second Section: Language and Literature.
I. History of Greek and Roman Literature.
II. Survival of Classical Poetry.
III. Survival of Classical Subjects (Gods, Legends, Myths, Fahles,
Emblems and Proverbs, etc.)
IV. History of Classical Scholarship, (a) Mediaeval and Renaissance
Latin Literature; (b) History of Education, of Schools and Uni-
versities, of CoUections of Manuscripts and Books, of Learned
Travels, Encyclopaedias, etc.
Third Section: Fine Arts.
I. Literary Sources.
II. Iconography.
4
III. Primitive and Oriental Art; Pre-Hellenic Period.
IV. Classical Archaeology, with a'special section.on the Art of the Roman
Provinces.
V. Early Christian and Mediaeval Art, with a special section on lilum-
inated Manuscripts.
VI. Renaissance Art in Europe, with a special section on Applied Arts,
Book Printing and Book Illustration.
VII. History of Art CoUections. Preservation of Classical Monu-
ments.
Fourth Section: Social and Political Life.
I. Methods of History and Sociology.
II. History of Social and Political Institutions in Southern and Northern
Europe (leading from the Greek City States through the Roman
Empire to the Holy Roman Empire of the Middle Ages, and thence
to the City States of the Italian Renaissance, the French, Spanish
and English Courts, etc.)
III. Folklore; History of Festivals (especially of the Renaissance), the
Theatre, and Music.
IV. Forms of Social Administration; Legal and Political Theory.
(2) The collection of photographs is systematized on the
same lines. The pictorial Symbols are understood as not only
comprising works of art: any decorated object (furniture,
heraldic decorations, tapestries, emblems and signs, seals,
even stamps and posters), may be expressive of a mental
attitude or hold a deliberate significance. As a depository for
ancient themes and gestures book illustrations, illuminations,
engravings and woodcuts receive special attention. Thus the
Photographie collection comprises one section in which
reproductions of all kinds of artistic design, from the most
elaborate works of art down to ornamented tools and
implements of daily use, are arranged according to the themes
represented on them; and a second section containing
photographs of the astrological and mythological illuminated
manuscripts (1,230 MSS. at present) extant in European
and American libraries.
(3) A series of publications, the „Studies of the Warburg
Institute", discuss the „Survival of the Classics" by inter-
connecting the history of art and the history of intellectual,
social and religious life.
(4) A „Bibliography on the Survival of the Classics'"'^ contains
a reasoned survey of all publications issued within a given
period, which either deal with the relevant subjects under
their own titles or, by the hature of their theme, are bound
to contain contributions to research on the nature of classical
influence.
(5) Lectures by scholars of different nationalities are being
arranged. Some of the earlier series have been published in
book form. The series are frequently grouped round a main
subject, such as Drama (1927/28), the Ascent of the Soul
(1928/29), the Classical Influence in England (1930/31), the
Cultural Function of Play (1936/37); so that each series again
Stresses the scope of the Institute both in its subject and
through the discussion of the subject under different aspects.
These activities are to be supplemented by a new project : a
Quarterly Journal which, in accordance with the Institute's
policy, will unite scholars of different nations, and is to
serve as a medium for the exchange of ideas between students
who work on the same problem. It will be called: „The
Journal of the Warburg Institute'"'' .
PREVIOUS PUBLICATIONS
STU DIES. Edited by F. S A X L.
E. Cassirer: Die Begriffsform im myth. Denken. 2/—
E. Panofsky u. F. Saxl: Dürers 'Melencolia I'. Eine quellen- und typen-
geschichtliche Untersuchung. Mit zahlr. Taf. [out of print]
H. Liebeschütz: Fulgentius Metaforalis. Ein Beitrag zur Geschichte der
antiken Mythologie im Mittelalter. Mit 56 Abb. auf 32 Taf. [out of
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E. Panofsky : Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunst-
theorie. Mit 7 Abb. im Text, [out of print]
E. Cassirer: Sprache und Mythos. Ein Beitrag zum Problem der Götter-
namen, [out of print]
R. Reitzenstein u. H. H. Schaeder: Studien zum antiken Synkretis-
mus. Aus Iran und Griechenland. Mit 8 Fig. auf 4 Taf. £ 1 /6/ — In cloth
£ 1/10/—
F. Saxl: Antike Götter in der Spätrenaissance. Ein Freskenzyklus und
ein „Discorso" des Jacopo Zucchi. Mit 4 Lichtdrucktaf. u. einem
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R. Schmidt-Degener: Rembrandt und der holländische Barock. Über-
setzt von A. Pauli. 5/ —
E. Cassirer: Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance.
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H. Ritter, M. Plessner u. E. Jaffe: Picatrix (Arabischer Text). 25/ —
[Latin Text and German translation in preparation]
P. Lehmann: Pseudo-antike Literatur des Mittelalters. Mit 6 Taf. 5/ —
H. Pruckner: Studien zu den astrologischen Schriften des Heinrich von
Langenstein. 14/ —
H. Liebeschütz: Das allegorische Weltbild der heiligen Hildegard von
Bingen. 15/ —
7
P. E. Schramm: Kaiser, Rom und Renovatio. I. Studien und Texte zur
Geschichte des römischen Emeuerungsgedankens vom Ende des
Karolingischen Reiches bis zum Investiturstreit. 18/ — . II. Exkurse
und Texte. 14/ — .
E. Panofsky: Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in
der neueren Kunst. Mit 119 Abb. auf 77 Lichtdrucktaf. £ 1/15/ —
W. Gundel: Dekane und Dekansternbilder. Ein Beitrag zur Geschichte
der Sternbilder der Kulturvölker. Mit einer Untersuchung über die
ägyptischen Sternbilder und Gottheiten der Dekane. Von S. Schott.
£ 1/10
J. KroU: Gott und Hölle. Der Mythos vom Descensuskampfe. 25/ —
R. Pfeiffer: Humanitas Erasmiana. 1/6
W. Stechow: Apollo und Daphne. Mit 4 Abb. im Text u. 34 Lichtdruck-
taf. mit 66 Abb. 8/6
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von Cambridge. 10/ —
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nisse eines Avignonesischen Klerikers des 14. Jahrhunderts. Mit Bei-
trägen von A. Heimann und R. Krautheimer. (a) Text: 348 pp.
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LECTURES. Edited by F. SAXL.
Bd. I: Vorträge 1921 — 1922. Inhalt: F. Saxl, Die Bibliothek Warburg
und ihr Ziel. E.Cassirer, Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau
der Geisteswissenschaften. A. Goldschmidt, Das Nachleben der an-
tiken Formen im Mittelalter. G. Pauli, Dürer, Italien und die Antike.
E. Wechssler, Eros und Minne. H. Ritter, Picatrix, ein arabisches
Handbuch hellenistischer Magie. H. Junker, Uber iranische Quellen
der hellenistischen Aion-Vorstellung. [out of print]
8
Bd. II: Vorträge 1922—1923. I. TeU. Inhalt: E. Cassirer, Eidos und
Eidolon. R.Reitzenstein, Augustin als antikerund als mittelalterlicher
Mensch. H. Lietzmann, Der unterirdische Kultraum von Porta
Maggiore in Rom. A. Dören, Fortuna im Mittelalter und in der
Renaissance. P. E. Schramm, Das Herrscherbild in der Kunst des
frühen Mittelalters, [out of print]
Vorträge 1922—1923: II. Teil. R. Eisler, Orphisch-dionysische
Mysteriengedanken in der christlichen Antike, [out of print]
Bd. III: Vorträge 1923—1924. Inhalt: U.v.Wilamowitz-Moellendorff,
Zeus. E. Hoffmann, Piatonismus und Mittelalter. H. Liebeschütz,
Kosmologische Motive in der Bildungswelt der Frühscholastik.
R. Reitzenstein, Die nordischen, persischen und christlichen Vorstel-
lungen vom Weltuntergang. H. Gressmann, Die Umwandlung der
orientalischen Religionen unter dem Einfluß hellenischen Geistes.
Franz J. Dölger, Gladiatorenblut und Märtyrerblut. A. Goldschmidt,
Frühmittelalterliche illustrierte Enzyklopädien. C. Borchling, Rechts-
symbolik im germanischen und römischen Recht. 12/ —
Bd. IV: Vorträge 1924— 1925. Inhalt: R.Reitzenstein, Alt-Griechische
Theologie und ihre Quellen. R. Reitzenstein, Plato und Zarathu-
stra. K. L. Schmidt, Der Apostel Paulus und die antike Welt.
II. H.Schaeder, Urform und Fortbildungen des manichäisch. Systems.
A. Dören, Wunschräume und Wunschzeiten. F. Dornseiff, Litera-
rische Verwendungen des Beispiels. E. Fraenkel, Lucan als Mittler
des antiken Pathos. E. Panofsky, Die Perspektive als ,, symbo-
lische Form". R. Kautzsch, Werdende Gotik und Antike in der
burgundischen Baukunst des 12. Jahrhunderts. 18/ —
Bd.V: Vorträgel925— 1926. Inhalt : O.Franke, Der kosmische Gedanke
in Philosophie und Staat der Chinesen. H. Lietzmann, Die Entste-
hung der christlichen Liturgie nach den ältesten Quellen. P. Hensel,
Montaigne und die Antike. K. Brandl, Cola di Rienzo und sein
Verhältnis zu Renaissance und Humanismus. J. Mesnil, Die Kunst-
lehre der Frührenaissance im Werke Masaccios. F. Noack, Triumph
und Triumphbogen. 12/ —
Bd. VI : Vorträge 1926—1927. Inhalt: J. v. Schlosser, Vom modernen
Denkmalkultus. G. Swarzenski, Der Kölner Meister bei Ghiberti.
H. Tietze, Romanische Kunst und Renaissance. M. D. Henkel,
Illustrierte Ausgaben von Ovids Metamorphosen im XV., XVI. u.
XVII. Jahrh. R. Salomon, Das Weltbild eines avignonesischen Kle-
rikers. H. Sieveking, Die Akademie von Harn. 25/ —
9
Bd. VII: Vorträge 1927—1928. Zur Geschichte des Dramas. Inhalt:
K. Th. Preuß, Der Unterbau des Dramas. J. Geffcken, Der Begriff
des Tragischen in der Antike. O. Regenbogen, Schmerz und Tod in
den Tragödien Senecas. K. Voßler, Die Antike und die Bühnen-
dichtung der Romanen. J. Kroll, Zur Geschichte des Spieles von
Christi Höllenfahrt. £ 1.
Bd. VIII: Vorträge 1928—1929. Über die VorsteUungen von der Him-
melsreise der Seele. Inhalt: H. Kees, Die Himmelsreise im ägyp-
tischen Totenglauben. R. Reitzenstein, Heilige Handlung. R. Hart-
mann, Die Himmelsreise Muhammeds und ihre Bedeutung in der
Religion des Islam. H. Schrade, Zur Ikonographie der Himmel-
fahrt Christi. A. Farinelli, Der Aufstieg der Seele bei Dante. W.
Friedlaender, Der antimanieristische Stil um 1590 und sein Ver-
hältnis zum Übersinnlichen. £ 1.
Bd. IX: Vorträge 1930—1931. England und die Antike. Inhalt:
E. F. Jacob, Some aspects of classical influence in medieval Eng-
land. H. Liebeschütz, Der Sinn des Wissens bei Roger Bacon.
J. A. K. Thomson, Erasmus in England. W. F. Schirmer, Chaucer,
Shakespeare und die Antike. E. de Selincourt, Romanticism and
Classicism in Walter Savage Landor. E. Cassirer, Shaftesbury und die
Renaissance des Platonismus in England. R. W. Livingstone, The
Position and function of classical studies in modern English educa-
tion. O. Fischel, Inigo Jones und der Theaterstil der Renaissance.
E. Wind, Humanitätsidee und heroisiertes Porträt in der eng-
lischen Kultur des 18. Jahrhunderts. 18/ —
A BIBLIOGRAPHY ON THE SURVIVAL OF THE CLASSICS.
Edited by the Warburg Institute. First volume: The publications
of 1931. The Text of the German edition with an English intro-
duction. 21/ —
KULTURWISSENSCHAFTLICHE BIBLIOGRAPHIE ZUM
NACHLEBEN DER ANTIKE. I. Band: Die Erscheinungen
des Jahres 1931. In Gemeinschaft mit Fachgenossen bearbeitet von
Hans Meier / Richard Newald / Edgar Wind. 21/—
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L. Burchard und A. Scharf.
Caricatura. An essay on the origins and principles of caricature.
By E. Gombrich and E. Kris.
The Religious Symbolism of Michelangelo. By Edgar Wind.
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„Vierter Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft"
(Beüa.eheft zur Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Band 25)
Herausgegeben von
HERMANN NOACK
Verlag von FERDINAND ENKE, STUTTGART.
1931
E d g a r W i n d
Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine
Bedeutung für die Ästlietilt.
Es ist meine Aufgabe, Sie als die Teilnehmer eines Ästhetischen
Kongresses in den Problemkreis einer Bibliothek einzuführen, die ihre
eigene Arbeitsweise ausdrücklich als kulturwissenschaftlich bezeichnet.
Da scheint es meine nächstliegende Pflicht zu sein, das Verhältnis von
Ästhetik und Kulturwissenschaft, wie es in dieser Bibliothek verstanden
wird, klarzulegen. Ich möchte zu diesem Zweck an die Wandlung, die
das Verhältnis von Kunst- und Kulturgeschichte in den letzten Jahr-
zehnten erfahren hat, anknüpfen und an einigen Tatsachen aus der Ge-
schichte dieser Wandlung, die Ihnen allen bekannt sind, darlegen, wie die
wissenschaftliche Entwicklung dazu gedrängt hat, das Problem aufzu-
werfen, zu dessen Bearbeitung die Bibliothek die Materialien bereitzu-
stellen und das begriffliche Rüstzeug auszubilden sucht
Bei der eigentlichen Darstellung dieses Problems werde ich mich
dann im Wesentlichen auf drei Punkte beschränken:
Warburgs Begriff des Bildes, seine Theorie des Symbols und
seine Psychologie des mimischen und hantierenden Ausdrucks.
I.
Der Begriff des „Bildes".
Betrachtet man die Werke Riegls und Wölfflins, die auf die vergan-
genen Jahrzehnte so bestimmend gewirkt haben, so verbindet sie — bei
allen Unterschieden im einzelnen — der Kampf um die Autonomie der
Kunstgeschichte, das Bestreben, sie von der Kulturgeschichte loszulösen
und so mit derjenigen Tradition zu brechen, die an den Namen Jakob
Burckhardts geknüpft ist. In wenigen Sätzen will ich versuchen, die
Motive dieses Kampfes und sein methodisches Ergebnis zusammenzu-
fassen :
1. Ihren Antrieb erhielt die Sonderung von kunst- und kultur-
geschichtlicher Forschungsweise aus dem künstlerischen Empfinden einer
Zeit, die überzeugt war, daß es zum Wesen der reinen Kunstbetrachtung
164
EDGAR WIND.
gehöre, von allem Gegenständlichen im Kunstwerk abzusehen und sich
auf das „reine Sehen" zu beschränken.
2. Diese Tendenz zum „reinen Sehen" wurde innerhalb der Kunst-
wissenschaft verschärft durch die Einführung von Reflexionsbegriffen,
die es ermöglichten, dort, wo ursprünglich eine Akzentverschiebung des
künstlerischen Interesses vom Gegenständlichen auf die Behandlungs-
weise des Gegenständlichen stattgefunden hatte, eine radikale Trennung
zu vollziehen. So verwendet z. B. Wölfflin die Antithese von
Stoff und Fo rm. Und da er auf die Seite der Form nur das, was
er die „optische Schicht" nennt, aufnimmt, so fällt unter der Kategorie
des Stoffes all das zusammen, was nicht in diesem radikalen Sinne zum
Sichtbaren gehört: nicht nur gegenständliche Motive, Schönheitsbegriffe,
Ausdruckscharaktere, Stimmungswerte, sondern auch diejenige gerät-
mäßige Differenzierung, die innerhalb des Sichtbaren eine Stufung der
Gegenständlichkeit bewirkt und die Unterschiede der Kunstgattungen
hervorruft. Es ist, als ob WölffHn sich die Aufgabe gestellt hätte, den
denkbar allgemeinsten Ausdruck für einen Stil auf mathematischem
Wege zu finden. Denn genau wie ein mathematischer Logiker durch
Formalisierung eine allgemeine Satzfunktion aufstellt, aus der man aber
einen sinnvollen Satz erst dann erhält, wenn man für die variablen
Werte feste Wortbedeutungen, Ausdrücke für Einzelbeziehungen, ein-
setzt, — genau so definiert Wölfflin die malerische Anschauungsweise
als eine allgemeine Stilfunktion, die je nach dem besonderen Bedürfnis
des Ausdrucks so verschiedentlich spezifiziert werden kann, daß sie etwa
auf der einen Seite zu Bernini führt, auf der anderen zu Terborch. Und
diese allgemeine Formel, deren logische Macht sich zweifellos darin be-
währt, daß sie so entgegengesetzte Erscheinungen unter einem Ge-
sichtspunkt vereinigt, um sie als Gesamtheit gegen eine anders struktu-
rierte Formel abzusetzen, die ihrerseits wiederum unter dem Titel
„linear" so entgegengesetzte Erscheinungen wie Michelangelo und den
jüngeren Holbein zusammenfaßt, — diese allgemeine Formel wird
nun plötzlich verdinglicht zu einer lebendigen Funktion des Auges,
die ihre eigene Geschichte haben soll. Der logische Drang zur Formali-
sierung, der der ästhetischen Formtheorie eine Schärfe verleiht, die sie
von sich aus gar nicht rechtfertigen kann, verbindet sich mit dem Drang
zur Hypostasierung, der die einmal gefundene Formel zum lebendigen
Subjekt einer Entwicklung macht.
3. Die Antithese von Stoff und Form findet so ihr logisches Gegen-
stück in der Theorie einer immanenten Kunstentwicklung,
die den gesamten Prozeß der Entwicklung in die Form allein verlegt und
diese auf jeder historischen Stufe gegenüber allen Unterschieden der
technischen Herstellung wie des Ausdrucks als funktionell invariant be-
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 165
trachtet. Dies bedeutet, positiv gesprochen, eine ParalleHsierung der
Kunstgattungen (denn keine soll für die Betrachtung der Formentwick-
lung unwichtiger sein als die andere), negativ gesprochen, eine Nivellie-
rung ihrer Unterschiede, (denn die eine soll nichts anderes lehren als
die andere). Statt einer Geschichte der Kunst, die Entstehung und
Schicksal der Monumente als Träger sinnfälliger Gestaltung verfolgt,
erhalten wir auf diese Weise z. B. bei Riegl eine Geschichte des Kunst-
wollens, die das Gestalthafte vom Sinnfälligen isoliert und dennoch die
Gestaltwandlung unter dem Schein einer dialektischen Entwicklung in
zeitlicher Abfolge vorführt, — ein genaues Gegenstück zu Wölfflins Ge-
schichte des Sehens*).
4. Schließlich wird aber diese ParalleHsierung nicht nur innerhalb
der Kunst für ihre verschiedenen Gattungen, sondern auch innerhalb
der Gesamtkultur für die Beziehung der Kunst zu den übrigen Kultur-
leistungen durchgeführt. Dies bedeutet aber nur einen weiteren Schritt
auf dem Wege der Formalisierung; denn dieselbe Antithese von Stoff
und Form, die auf ihrer untersten Stufe den Bruch zwischen Kultur-
und Kunstwissenschaft herbeigeführt hat, wird auf dieser höheren Stufe
dazu benutzt, die Beziehung zwischen beiden wiederherzustellen. Aber
ebenso problematisch wie die ursprüngliche Trennung ist die spätere Zu-
sammenfassung; denn genau so unfaßbar wie der Stoff begriff, der auf
1) Freilich ist das Schema der Reflexionsbegriffe hier ein ganz anderes als
bei Wölfflin: Nicht die einfache Antithese von Stoff und Form, sondern ein kom-
plexes Verhältnis dynamischer Auseinandersetzung zwischen einem „zweckbewuß-
ten Kunstwollen" und den „Reibungskoeffizienten" von Gebrauchszweck, Rohstoff
und Technik. Aber das dynamische Element verflüchtigt sich alsbald, wenn man
Riegls Verfahrungsweise im einzelnen verfolgt. Denn um das Kunstwollen einer
Epoche in den verschiedensten Arten der Kunsterzeugung als identisch nachzu-
weisen, gibt es für ihn keinen anderen Weg als den der Formalisierung. Für das
Studium der Ornamentgeschichte fordert er ausdrücklich Abwendung von der
Betrachtung des ornamentalen Motivs in seiner „gegenständlichen Bedeutung", statt-
dessen Zuwendung zur Analyse der „Behandlung des Motivs als Form und Farbe
in Ebene und Raum". Für die Bildgeschichte im weiteren Sinne fordert er in ent-
sprechender Weise Abwendung von aller gegenständlichen Betrachtung, die das
Bild in kulturgeschichtliche Zusammenhänge einstellt, stattdessen Zuwendung zu
denjenigen formalen Problemen, die das Bild mit allen anderen Formen sichtbarer
Kunstgestaltung gemeinsam hat. „Der ikonographische Inhalt", so heißt es in der
spät-römischen Kunstindustrie, „ist eben durchaus verschieden von dem künstle-
rischen; der auf Erweckung bestimmter Vorstellungen gerichtete Zweck, dem der
erstere dient, ist ein äußerer gleich dem Gebrauchszwecke der kunstgewerblichen
und architektonischen Werke, während der eigentliche Kunstzweck lediglich darauf
gerichtet ist, die Dinge in Umriß und Farbe, in Ebene oder Raum derart darzu-
stellen, daß sie das erlösende Wohlgefallen des Beschauers erregen". Mit dieser
Antithese von Gebrauchszweck und Kunstzweck, wobei auf der Seite des Kunst-
zweckes nur die optische Schicht zugelassen wird, während sich auf der Seite des
Gebrauchszwecks nicht nur die materiellen Bedingungen vorfinden, sondern auch
die Vorstellungen, die durch das Bild erweckt werden und in seiner Betrachtung
mitschwingen sollen — stehen wir schon ganz auf Wölfflinschem Boden.
166
EDGAR WIND.
der untersten Stufe die heterogensten Elemente in sich vereinigte, ist
jetzt, auf der obersten Stufe, der Formbegriff geworden, jener Begriff
eines allgemeinen Kulturwollens, das weder künstlerisch noch sozial noch
religiös oder philosophisch ist, sondern alles dies in einem.
Zwar hat zweifellos dieser Drang zur Verallgemeinerung der in die-
sem Schema befangenen Kunstgeschichte die „großen Gesichtspunkte"
gegeben, — Gesichtspunkte, denen Wölfflin zu paradigmatischer For-
mulierung verhalf, als er erklärte, man könne das spezifische Formemp-
finden des gotischen Stils ebensowohl aus einem Spitzschuh heraus-
fühlen wie aus einer Kathedrale. Aber je mehr man auf diese Weise
lernte, an einem Spitzschuh gerade auf das zu achten, was man an einer
Kathedrale zu sehen gewohnt war, oder bei einer Kathedrale das zu
bemerken, was einen zur Not auch ein Spitzschuh hätte lehren können,
desto mehr verlor man das Gefühl für die elementare Tatsache, daß ein
Schuh ein Gegenstand ist, den man über den Fuß schlüpft um auszu-
gehen, während man in eine Kathedrale eintritt um seine Andacht zu
verrichten. Und wer wollte leugnen, daß diese — sagen wir ruhig —
vor künstlerische Bestimmung, die die wesentlichen Unterschiede der
beiden begründet — (Unterschiede des gerätmäßigen Gebrauchs mit Be-
zug auf den hantierenden Menschen) — gerade in der künstlerischen
Gestaltung bestimmend mitschwingt und ästhetische Unterschiede be-
wirkt: — Unterschiede des Formgehalts mit Bezug auf den betrachten-
den Menschen?
Ich erwähne diese Selbstverständlichkeit nicht, weil ich glaube, daß
sie jemals völlig übersehen worden wäre, sondern nur weil ich mit ihrer
Hervorhebung den Ansatz zu unserem Problem gewinne. Es kommt dar-
auf an zu erkennen, daß die Nivellierungder Kunstgattun-
gen und die mit ihr verbundene Ausschaltung des hantie-
rendenMenschenin einem notwendigen logischen Zusammenhang
steht mit der formalen Kunstauffassung einerseits und der
parallelisierendenGeschichtsauffassung andererseits. Es
besteht hier eine unlösbare Trias zwischen konkreter Kunst-
betrachtung, Kunsttheorie und G e s ch i ch t s k o n s t r u k-
t i 0 n, und jede Schwäche, die einer dieser drei Begriffs- oder Verhal-
tungssphären anhaftet, fällt immer auch zu Lasten der beiden anderen.
Man kann daher die aufbauende Kritik in dreifacher Weise üben. Man
kann sich dem Problem von der Seite der Geschichtsphilosophie nähern
und zeigen, daß durch Parallelisierung der verschiedenen Kulturgebiete
die Energien ausgeschaltet werden, die sich in der Auseinandersetzung
zwischen ihnen entwickeln, und ohne welche der dynamische Fortgang
der Geschichte überhaupt nicht verständlich wird. Man kann sich auch
dem Problem von der Seite der Psychologie und Ästhetik nähern und
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 167
zeigen, daß der Begriff des „reinen Sehens" eine Abstraktion ist, die in
der Erscheinung niemals ihr volles Gegenstück findet, da in jedem Akt
des Sehens der Erfahrungsbestand als ganzer mitschwingt, so daß, was
dem Begriff nach als das „bloß Sichtbare" postuliert werden mag, nie-
mals vollständig aus dem Erlebniszusammenhang, in dem es auftritt,
isoliert werden kann. Man kann aber auch den Weg der Mitte wählen
und, statt die erwähnten Wechselbeziehungen in abstracto zu behaupten,
ihnen dort nachspüren, wo sie am einzelnen Objekt historisch faßbar
werden, und in der Arbeit an diesem konkreten, gerätmäßig gebundenen
Objekt Kategorien entwickeln und als tragfähig erweisen, die dann der
Ästhetik und der Geschichtsphilosophie zugute kommen.
Diesen dritten Weg ist Warburg gegangen. Er hat, um die Bedin-
gungen der Stilbildung tiefer als bisher zu ergründen, die Arbeit Burck-
hardts gerade in der Richtung weitergeführt, von der Wölfflin — auch
er im Interesse eines vertieften Verständnisses für den Prozeß der Stil-
bildung — mit vollem Bewußtsein abgebogen war. Wenn Wölfflin die
Sonderung von Kultur- und Kunstwissenschaft verlangte, so konnte er
sich ja mit einem gewissen Recht auf Burckhardts Beispiel berufen; aber
wenn in Burckhardts „Cicerone" und seiner „Kultur der Renaissance"
beide Gebiete auch auseinandertraten, so gründete sich diese Sonderung
doch nicht auf ein Prinzip, sondern gehorchte nur den Forderungen der
Ökonomie. „Er erfüllte einfach" — so sagt Warburg — , „die nächst-
liegende Pflicht, zunächst den Renaissancemenschen im höchstentwickel-
ten Typus und die Kunst in ihren schönsten Erzeugnissen in aller Ruhe
gesondert zu betrachten, unbekümmert darum, ob ihm selbst die zusam-
menfassende Darstellung der ganzen Kultur noch vergönnt sein würde"^).
Aus der wissenschaftlichen Selbstverleugnung des Pfadfinders ist es
nach Warburgs Ansicht zu erklären, daß Burckhardt das kultur-
geschichtliche Problem der Renaissance, „anstatt es in seiner ganzen
künstlerisch lockenden Einheitlichkeit anzupacken, in mehrere äußerlich
unzusammenhängende Teile zerlegte, um jeden für sich mit souveräner
Gelassenheit zu erforschen und darzustellen". Aber die „Unbeküm-
mertheit" des Pioniers ist den Fortsetzern des Werkes nicht erlaubt. Da-
her wird das, was bei Burckhardt eine Frage der darstellerischen Ökono-
mie gewesen war, bei Wölfflin und Warburg zu einem theoretischen
Problem. Dem Begriff des reinen künstlerischen Sehens, den Wölfflin in
der Auseinandersetzung mit Burckhardt entwickelt hat, stellt Warburg
den Begriff der Gesamtkultur entgegen, in der das künstlerische Sehen
eine notwendige Funktion erfüllt. Wer aber die Funktionsweise dieses
Sehens verstehen will — so lautet die weitere Folgerung — , der darf es
nicht aus seinem Zusammenhang mit den übrigen Kulturfunktionen völ-
1) Bildniskunst und florentinisches Bürgertum I. Leipzig 1902.
168
EDGAR WIND.
lig herauslösen. Er muß vielmehr die doppelte Frage stellen: Was be-
deuten diese übrigen Funktionen — Religion und Dichtung, Mythos und
Wissenschaft, Gesellschaft und Staat — für die bildhafte Phantasie?
Was bedeutet das Bild für diese Funktionen?
Es ist charakteristisch, daß Wölfflin und Riegl, die die erste Frage
ausdrücklich ablehnen, die zweite unwillkürlich übersehen. „Wer alles
nur auf Ausdruck bezieht" — so heißt es bei Wölfflin — „macht
die falsche Voraussetzung, daß jeder Stimmung immer dieselben Aus-
drucksmittel zur Verfügung gestanden hätten"^). Aber was heißt hier
eigentlich: „jeder Stimmung"? Sind denn die auszudrückenden Stim-
mungen dieselben geblieben und nur die Ausdrucks mittel hätten sich
gewandelt? Ist denn das Bild nur Stimmungs g e s t a 1 1 e r; ist es nicht
zugleich auch Stimmungs e r r e g e r?
Und eine ganz ähnliche Bemerkung findet sich bei Riegl. „Die bil-
dende Kunst" — so sagt er ausdrücklich — „hat es nicht mit dem Was
sondern mit dem Wie der Erscheinung zu tun, und läßt sich das Was
namentlich durch Dichtung und Religion fertig liefern"^). Was heißt
aber hier „fertig liefern"? Hat das Bild keinen Anteil an der Phantasie
des Dichters, keinen Anteil an der Bildung einer Religion?
Es ist eine der Grundüberzeugungen Warburgs, daß jeder Versuch,
das Bild aus seiner Beziehung zu Religion und Poesie, Kulthandlung
und Drama herauszulösen, der Abschnürung seiner eigentlichen Lebens-
säfte gleichkommt. Für wen aber das Bild diese unauflösliche Ver-
flochtenheit mit der Gesamtkultur besitzt, dem stellt sich auch die
Aufgabe, ein Bild, das man nicht mehr unmittelbar versteht, zum
Sprechen zu bringen, ganz anders dar als jemanden, der an ein
„reines Sehen" im abstrakten Sinne glaubt. Es handelt sich nicht darum,
nur das Auge zu schulen, so daß es den Formverzweigungen einer ihm
ungewohnten Linienführung zu folgen und sie zu genießen vermag —
sondern es handelt sich darum, die in dieser Sehweise mitschwingenden
Vorstellungen, die der Vergessenheit anheimgefallen sind, zu neuem
Leben zu erwecken. Die Methode, durch die dies erreicht wird, kann
nur eine indirekte sein. Man muß durch das Studium aller Arten von
Urkunden, die sich mit diesem Bild nach historisch-kritischer Methode
in Verbindung bringen lassen, einen Indizienbeweis führen für die Tat-
sache, daß ein im einzelnen aufzuweisender Vorstellungskomplex an der
Gestaltung dieses Bildes mitgewirkt hat. Der Forscher aber, der auf
diese Weise einen längst verschütteten Komplex von Vorstellungen auf-
deckt, kann sich nicht dem Glauben hingeben, daß seine Betrachtung
eines Bildes ein einfaches Anschauen, ein unmittelbares Sicheinfühlen sei.
9 Kunstgeschichtliche Grundbegriffe.
2) Spätrömische Kunstindustrie.
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 169
Es wird für ihn zu einem begrifflich geleiteten Erinnerungsvorgang,
durch den er eintritt in die Reihe derer, die die „Erfahrung" der Ver-
gangenheit lebendig erhalten. Warburg war davon überzeugt, daß er
in seiner eigenen Arbeit, das heißt im reflektierten Akt der Bildanalyse,
eine Funktion ausübte, die das Bildgedächtnis der Menschen im sponta-
nen Akte der Bildsynthese unter dem Zwange des Ausdruckstriebes voll-
zieht: das Sichwiedererinnern an vorgeprägte Formen. Das Wort
Mvrjiiioovvi], das er über den Eingang seines Forschungsinstituts hat setzen
lassen, ist in diesem doppelten Sinne zu verstehen: als Aufforderung an
den Forscher, sich darauf zu besinnen, daß er, indem er Werke der Ver-
gangenheit deutet, Erbgutverwalter der in ihnen niedergelegten Erfah-
rung ist — zugleich aber als Hinweis auf diese Erfahrung selbst als
einen Gegenstand der Forschung, d. h. als Aufforderung, die Funk-
tionsweise des sozialen Gedächtnisses an Hand des historischen Materials
zu untersuchen.
Beim Studium der florentiner Frührenaissance war ihm die Wirk-
samkeit dieses sozialen Gedächtnisses in ganz konkreter Form ent-
gegengetreten: In der Tatsache des Wiederauflebens antiker Bildformen
in der zeitgenössischen Kunst. Die Frage „Was bedeutet der Einfluß
der Antike für die künstlerische Kultur der Frührenaissance?" hat ihn
seither nicht wieder losgelassen. Aber weil in dieser Frage für ihn
immer die allgemeinere enthalten war: „Worauf beruht die Auseinander-
setzung mit der gedächtnismäßig überlieferten Vorprägung?", und weil
in dieser allgemeinen Frage sein persönliches Arbeiten als Objekt mit-
einbegriffen war, wurde die Frage nach der Bedeutung des Nachlebens
der Antike in fast magischer Weise zu seiner eigenen. Jede Entdeckung
am Gegenstand seiner Forschung war zugleich ein Akt der Selbstbesin-
nung. Jede Erschütterung, die er an sich selbst erfuhr und durch Be-
sinnung überwand, wurde zum Organ seiner historischen Erkenntnis.
Nur so wurde es ihm möglich, in der Analyse des FrührenaisBance-
Menschen bis in jene Tiefenschicht vorzudringen, in der die schärfsten
Gegensätze sich versöhnen, jene Ausgleichspsychologie zu entwickeln,
die den widerstreitenden Seelenregungen verschiedene seelische Orte zu-
weist und sie als Pole einer einheitlichen Schwingung versteht, — Pole,
an deren Entfernung voneinander sich das Ausmaß der Schwingung
ermessen läßt. Aber nur so wird es auch erklärlich, daß die Antwort,
die er in dieser Polaritätstheorie des seelischen Verhaltens auf seine
grundlegende Frage nach dem Wesen der Auseinandersetzung mit den
vorgeprägten Formen der Antike fand, sich zu einer allgemeinen These
erweiterte: Zu der These, daß im Prozeß der Bildgeschichte die vor-
geprägten Ausdruckswerte, je nach der seelischen Schwingungsweite der
umbildenden Kraft, eine Polarisierung erfahren.
170
EDGAR WIND.
Die Funktion des Bildes innerhalb der Gesamtkultur ist von dieser
Polaritätstheorie her zu bestimmen.
II.
Die Polaritätstheorie des Symbols.
Warburg hat sich sein begriffliches Rüstzeug im Studium der psycho-
logischen Ästhetik seiner Zeit erarbeitet, vor allem aber in der Aus-
einandersetzung mit der Ästhetik Friedrich Theodor Vischers. Den
Vischerschen Aufsatz „Das Symbol"^), den er schon in seiner ersten
Schrift, der Dissertation über Botticelli zitiert-), hat er wieder und wie-
der gelesen, und die darin entwickelten Grundsätze, indem er sie am kon-
kreten Material erprobte, für sich neu durchgedacht und weitergebildet.
Von hier aus ist daher auch am leichtesten ein Zugang zu seinem Be-
griffssystem als ganzem zu finden.
Das Symbol definiert Vischer zunächst als Verbindung von Bild und
Bedeutung durch einen Vergleichspunkt, wobei mit dem Ausdruck
„Bild" irgend ein sichtbarer Gegenstand, mit dem Ausdruck „Bedeu-
tung" irgend ein Begriff, gleichviel welchem Vorstellungskreise er ent-
nommen sein mag, gemeint ist. Zum Beispiel: ein Bündel Pfeile für
Einigkeit, ein Stern für Schicksal, ein Schiff für christliche Kirche, ein
Schwert für Gewalt und Scheidung, ein Löwe für Mut oder Großmut.
Aber diese Definition ist nur als vorläufige aufzufassen; denn sie
dient lediglich zur Bezeichnung des Problems, „die Hauptarten der Ver-
bindung zwischen Bild und Sinn auseinanderzuhalten", wobei sich zei-
gen soll, daß, wo die Art der Verbindung sich ändert, auch der Begriff
des Bildes und der Begriff des Sinnes sich wandeln.
Vischer unterscheidet drei Stufen: Die erste, die ganz dem religiösen
Bewußtsein angehört, nennt er die „dunkel-verwechselnde". Warburg nennt
sie später die „magisch-verknüpfende". Bild und Bedeutung werden in eins
gesetzt. Der Stier, — so sagt Vischer, — durch den Vergleichspunkt
seiner Stärke und Zeugungskraft wird Symbol der Urkraft, aber mit
dieser verwechselt und infolgedessen als heilig verehrt. Die Schlange,
— dies ist ein Beispiel von Warburg — durch die Ähnlichkeit ihrer
Gestalt und die Gefährlichkeit ihres Wirkens Symbol des Blitzes, wird
beim Schlangentanz, der den fruchtbaren Gewitterregen herabbeschwö-
ren soll, ergriffen und in den Mund genommen. Ja, die greifbare Sub-
stanz des Symbols für eine Kraft, die man sich anzueignen bestrebt ist,
wird durch Essen und Trinken — Symbole der Aneignung — dem
Körper physisch einverleibt. „Die Puppe des Schmetterlings" — so sagt
1) Philos. Aufsätze für Zeller. Leipzig 1887.
2) Sandro Botticellis „Geburt der Venus" und „Frühling". Eine Untersuchung
über die Vorstellungen von der Antike in der Frührenaissance. Hamburg und
Leipzig 1893.
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 171
Vischer — „ist ein Symbol der Auferstehung, das der Unsterblichkeit.
Zufällig wird sie nicht als religiöses Symbol verehrt. Wäre dies aber
der Fall, so bin ich überzeugt, daß nach dem Prinzip der Aneignung es
Gebrauch wäre, Puppen zu fressen, um damit den Stoff der Unsterb-
lichkeit in sich hineinzukriegen." Daß die christliche Lehre der Eucha-
ristie, die Verabreichung von Brot und Wein als Symbolen des Leibes
und Blutes Christi, ganz in diesen Problemkreis gehört, hat Vischer
mit besonderer Eindringlichkeit betont.
Aber gerade hier, in der theologischen Auslegung der Lehre vom
Abendmahl, beginnt das Problem sich zu spalten. Der Kampf um die
Frage, ob Brot und Wein im Augenblick der Darreichung der Leib und
das Blut Christi sind oder sie nur bedeuten — mit anderen Wor-
ten, ob der Ausspruch Christi: „Dies ist mein Leib . . ." als Trope oder
als Metapher zu verstehen ist, bezeichnet die Krise, in der zwei ver-
schiedene Auffassungen vom Wesen des Symbols sich gegeneinander er-
heben: die magisch-bindende, die Bild und Bedeutung in eins setzt, und
die logisch-sondernde, die das Wie des Vergleichs explicit einführt. Die
erste kann der religiösen Kulthandlung nicht entbehren. Sie bedarf
des Priesters, dessen Wort die magische Gewalt hat, die Substanzver-
änderung zu bewirken. Daher legt sie auf Brot und Wein, „die doch als
solche", — wie Vischer sagt — „gleichgültige Stoffe sind", den Akzent
des Wunderbaren. Die zweite Auffassung restituiert diese Stoffe in ihre
Gleichgültigkeit, denn sie will das religiöse Erlebnis durch den Akt des
Kults nicht gebunden wissen. Brot und Wein sprechen zu ihr als Zei-
chen, die intellektuell zu verstehen sind, nicht als Kräfte, die geheimnis-
voll wirken. Das Symbol im Sinne einer unlöslichen Einheit von Ding
und Bedeutung hat sich in die Allegorie verwandelt, wo die beiden Seiten
des Vergleichs sich klar gesondert gegenübertreten. Das Bild ist aus einer
kultlichen Macht zum Zeichen eines theologischen Begriffs geworden.
Aber zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine mittlere Stufe.
Vischer nennt sie die „vorbehaltende". Sie entsteht dort, wo man an die
magische Belebtheit des Bildes nicht eigentlich glaubt, und ihr dennoch
verhaftet bleibt. Sie entsteht, wo der Dichter angesichts der sinkenden
Sonne von der „ahnungsvollen" Beleuchtung spricht. Aber auch in der
nicht-dichterischen Umgangssprache wird dauernd das Unbeseelte in
dieser Weise beseelt: „Die Traube will Wärme, — der Nagel will
aus dem Holz nicht heraus, — das Päckchen will nicht in die Tasche
hinein." Löst man alle solche Metaphern restlos auf, so verwandelt sich
die lebendige Sprache in ein totes System allegorischer Zeichen. Läßt man
andererseits die belebende Kraft der Metapher so stark auf sich wirken,
daß man ihre uneigentliche Bedeutung nicht mehr bemerkt, so versinkt
man in die magische Denkweise. Je mehr der Dichter an die Heroen
172
EDGAR WIND.
und Götter, deren Bilder sein Gemüt erfüllen, glaubt, desto näher rückt
er dem Priester. Aber ganz ist er dem magischen Bann erst dann
verfallen, wenn er dem Gott, von dem er dichtet, opfert — oder ihn, sich
zu opfern, zwingt.
So kann man die ganze Reihe durchlaufen: — vom reinen, der Ma-
terie des Symbols fast ganz entrückten Begriff, der, um überhaupt fixiert
zu werden, sich freiwillig an ein lebloses und deswegen eindeutig be-
stimmbares Zeichen heftet, bis zum kulthaften Akt, der — unter dem
Zwang der Leibhaftigkeit des Symbols — es im wahrsten Sinne des
Wortes mit Händen greift, es verzehrt oder sich vor ihm vernichtet.
Die kritische Phase liegt aber in der Mitte, dort, wo das Symbol als
Zeichen verstanden wird und dennoch als Bild lebendig bleibt, wo die
seelische Erregung, zwischen diesen beiden Polen in Spannung gehal-
ten, weder durch die bindende Kraft der Metapher so sehr konzentriert
wird, daß sie sich in Handlung entlädt, noch durch die zerlegende Ord-
nung des Gedankens so sehr gelöst wird, daß sie sich in Begriffe ver-
flüchtigt. Und eben hier hat das „Bild" (im Sinne des künstlerischen
Scheinbildes) seine Stelle.
Das Kunstschaffen, das diesen mittleren Zustand durch Gebrauch
hantierender Mittel im „Scheinbilde" festhält, und das Kunstgenießen,
das in der Betrachtung des „Scheinbildes" diesen mitteren Zustand
nachschaffend erlebt, nähren sich beide — so lehrt Warburg — aus
den dunkelsten Energien des menschlichen Lebens und bleiben ihnen
selbst dort verhaftet und durch sie bedroht, wo ein harmonischer Aus-
gleich — vorübergehend — geglückt ist. Denn auch der harmonische
Ausgleich ist Produkt einer Auseinandersetzung, in der der ganze
Mensch mit seinem religiösen Verleibungsdrang und seinem intellek-
tuellen Aufklärungsstreben, seinem Aneignungstrieb und Entfernungs-
willen beteiligt ist.
Bedenkt man, wie sehr diese Kräfte miteinander im Kampf liegen, so
wird es verständlich, daß, als Warburg an seiner Geschichte des europä-
ischen Bildgedächtnisses arbeitete, er sie auffaßte als ein Kapitel zu dem
noch ungeschriebenen Buche: „Von der Unfreiheit des europäischen Men-
schen". Und wenn er hierbei das Sich-wieder-erinnern an antike Bild-
prägungen zum Leitfaden nahm, so ist es von vornherein klar, daß er
die Antike nicht im Sinne Winckelmanns als edle Einfalt und stille
Größe auffaßte, sondern daß er in ihr das Doppelantlitz von olympi-
scher Ruhe und dämonischer Furchtbarkeit erblickte, das Nietzsche und
Burckhardt uns zu sehen gelehrt haben. Aber auch auf Lessing ist hier
zu verweisen; denn in Lessings Widerlegung der Winckelmannschen
Gründe für die Tatsache, daß der Laokoon nicht schreit, ist das ganze
von Warburg behandelte Problem bereits im Keime enthalten. Die
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT.
173
Lehre vom „Transitorischen" und vom „fruchtbarsten Augenblick" ent-
hält den Hinweis auf jene Krisis, in der die im Kunstwerk verkörperten
Erregungen umzuschlagen und das eigentlich Künstlerische zu zerstö-
ren drohen.
Um jedoch die Betrachtungsweise, die Warburg geübt und gelehr
hat, zu umschreiben, kann ich kaum etwas Besseres tun, als die Wort{
zu gebrauchen, die Schleiermacher in seiner Abhandlung „Über den
Umfang des Begriffes der Kunst mit Bezug auf die Theorie derselben"
geprägt hat:
„So wollen wir uns denn zunächst halten an eine alte Rede, die
sich aber auch in dem Munde neuer Meister wiederholt, daß alle Kunst
entspringt aus der Begeistung, aus lebhafter Bewegung der innersten
Gemüts- und Geisteskräfte, — und an eine andere ebenso alte tief in
unsere Denkweise eingewurzelte, daß nämlich jede Kunst ihr Werk muß
aufzuweisen haben. Und so wäre wohl das nächste, zuzusehen inwie-
fern in den verschiedenen Künsten auf dieselbige Weise aus der Bewe-
gung das Werk entsteht. Aber der Schwierigkeit der Sache wegen
möchte es geraten sein, den Versuch bei denen Künsten zu beginnen,
wo der Weg zwischen beiden Punkten nur kurz sein kann und der
Prozeß sehr einfach erscheint. Und glücklich wären wir und hätten
einen guten Wurf getan, wenn wir auf der einen Seite neben dem Kunst-
werk auch ein verwandtes Kunstloses fänden, um zeigen zu können, wie
das eine sich von dem andern unterscheidet, und auf der anderen Seite
das Gefundene auch auf die anderen Künste übertragen könnten, bei
denen der Weg nicht mehr so kurz ist und das Verfahren nicht mehr so
einfach . . .
„Es ist das Wesen jenes kunstlosen Zustandes, daß Erregung und
Äußerung identisch sind und völlig gleichzeitig durch ein bewußtloses
Band vereinigt miteinander beginnen und miteinander verlöschen, oder,
noch genauer zu reden, sind beide wahrhaft eins und nur von dem
draußenstehenden Beschauer willkürlich getrennt; wogegen in jeder
Kunstleistung diese Identität wesentlich aufgehoben ist: ... Eine andere
höhere Gewalt ist zwischen eingetreten und hat das sonst unmittelbar
Verbundene geschieden; ein Moment der Besinnung schlägt gleichsam
trennend ein, bricht auf der einen Seite schon durch das Anhalten, durch
die Weile jene rohe Gewalt der Erregung und bemächtigt sich zugleich
während dieses Anhaltens der schon eingeleiteten Bewegung als ord-
nendes Prinzip."
Aber so sehr diese Worte Schleiermachers, als Ganzes genommen,
die Warburgsche Betrachtungsweise kennzeichnen, so enthalten sie doch
einen Punkt, in dem Warburg von ihnen abweicht. Der Akt der Be-
sinnung, der kritische Moment des „Anhaltens", wird von Schleier-
174
EDGAR WIND.
macher wie eine Art Wunder behandelt, — als ob, um mit seinen
eigenen Worten zu reden, „eine andere, höhere Gewalt zwischen ein-
getreten" wäre und „das sonst unmittelbar Verbundene geschieden"
hätte. Bei Warburg aber besteht zwischen jenem Zustand, den Schleier-
macher als völlige Einheit von Erregung und Äußerung betrachtet, und
dem Akt der Besinnung, mit welchem für ihn das eigentlich Künst-
lerische beginnt, kein Bruch sondern ein kontinuierlicher Übergang. An
der Theorie des mimischen Ausdrucks und der Hantierung läßt sich
dies im einzelnen nachweisen.
III.
Besinnung und Ausdruck.
Man kann sich, wenn man will, einen Zustand denken, und im
Verhalten niedriger Lebewesen wohl auch tatsächlich aufweisen, wo
jede durch einen äußeren Reiz verursachte Erregung sich unmittelbar
in organische Bewegung umsetzt, an der das Tier als ganzes beteiligt
ist. Es ist müßig zu fragen, ob es für solch ein Wesen überhaupt eine
Wahrnehmung geben kann; denn es ist von dem Zustand der Erregung
völlig und gleichmäßig erfüllt. Die Ereignisse gehen durch seinen Or-
ganismus gleichsam hindurch und hinterlassen keinerlei Spuren. Von
einem Gedächtnis, selbst im übertragendsten Sinne des Wortes, kann
keine Rede sein.
Man kann sich eine etwas höhere Stufe denken, auf der der Er-
regungszustand sich differenziert, wo die Bewegung nicht den Organis-
mus als ganzen gleichmäßig erfaßt, sondern sich an einigen Teilen staut
und andere frei läßt. Die Ereignisse hinterlassen ihre Spuren. Die Er-
regungen beginnen sich typisch zu gliedern.
Verfolgt man diese Entwicklung weiter, so kann man den Prozeß
der Bildprägung in Gestalt der körperlichen Ausdrucksgebärde in statu
nascendi studieren, und man wird dabei entdecken, daß das Phänomen
des Ausdrucks selbst in seiner elementarsten Form schon mit einem
Minimum an Besinnung verbunden ist. Man braucht dabei nicht einmal
solche gewagten Konstruktionen einzuführen, wie ich sie eben im An-
schluß an Schleiermacher verwandt habe, um die Stufe, wo Erregung
und Bewegung völlig eins sind, zum mindesten dem Begriffe nach fest-
zulegen. Man braucht nur die Funktionsweise des menschlichen Kör-
pers zu betrachten, wo die jeweilige Erregung sich in differenzierte
Muskelbewegung umsetzt und wo jeder Muskel eine besondere Funk-
tion erfüllt, in deren Vollzug er durch Übung gestärkt wird. Es war
angesichts solcher Phänomene wie der Muskelstärkung durch Übung,
daß Hering vom „Gedächtnis als allgemeiner Funktion der organisierten
Materie" sprach. Die häufige Wiederholung desselben Aktes hinterläßt
ihre Spuren.
WARBUROS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 175
Aber die menschlichen Muskeln erfüllen auf Grund dieser Spuren
— wenn man will: kraft dieser „Gedächtnisfunktion" — neben ihrem
rein körperlichen Dienst noch eine andere Aufgabe. Sie dienen dem
mimischen Ausdruck. Man hat seit Darwin viel darüber gestritten, wie
sich diese beiden Funktionen zueinander verhalten. Für uns kommt nur
die eine Tatsache in Betracht, daß es vielfach die gleichen Muskeln
sind, die eine physische und eine Ausdrucksfunktion verrichten. So sind
die Muskeln, mit denen wir dem Gefühl des Widerwillens Ausdruck
geben, indem wir das Gesicht verziehen, dieselben, die durch den Zu-
stand des physischen Übelseins automatisch erregt werden. Hier finden
wird im Gebrauch des eigenen Körpers das Phänomen der Meta-
pher wieder. Aller Ausdruck durch Muskelbewegung
ist metaphorisch und unterliegt der Polarität des
Symbols: Je stärker, je konzentrierter die seelische Erregung ist,
die sich im Ausdruck entlädt, desto näher kommt die symbolische Be-
wegung der physischen. (Im Zustand höchsten seelischen Ekels wird
uns ja auch physisch übel.) Je schwächer, je milder die Erregung ist,
desto mehr wird die mimische Bewegung retardiert, und der Grenzfall
ist erreicht, wenn der momentane mimische Ausdruck sich in dem blei-
benden physiognomischen Gesichtszug verflüchtigt.
Aber der Körper des Menschen ist, wenn auch das nächstliegende,
so doch nicht das einzige Organ für den Ausdruck. Der Mensch ist ein
hantierendes Tier, („a tool using animal" wie Carlyle im „Sartor Re-
sartus" sagt), und schafft sich Geräte, mit denen er die Funktionen sei-
nes Körpers erweitert und ergänzt. Aber am Gebrauch dieser Geräte
kann man das Gleiche beobachten, was ursprünglich an der Muskel-
bewegung zutage trat. Sie werden, über ihre Zweckbestimmung hinaus,
zu Trägern von Ausdruckswerten. Carlyle hat das an den Kleidern
dargelegt, die dem Menschen, der sie trägt, bald Würde verleihen, bald
ihn als verächtlich stempeln, jedenfalls die polare Funktion erfüllen, ihn
zu bezeichnen und ihn zu verhüllen, auf ihn hinzuweisen und ihn doch
nicht preiszugeben. Es entwickelt sich eine soziale Gebärdensprache,
die die mimische ergänzt und erweitert. Das Abnehmen des Hutes
wird zum Ausdruck der Unterwürfigkeit, das Tragen eines Szepters zum
Symbol der Majestät, das Reiten „hoch zu Roß" zur triumphalen Ge-
bärde. Und jeder dieser Akte ist der Polarität des Symbols unter-
worfen. Denn jede soziale Ausdrucksgebärde kann, je nachdem, ob sie
beschleunigt oder retardiert oder im kritischen Punkt des Anhaltens
gar in ihrer Richtung verändert wird, sich aus einer Gebärde der An-
näherung in eine Gebärde der Loslösung verwandeln, aus einer Geste
des Zugreifens und Sich-Aneignens in eine Geste des Loslassens und
Freigebens, aus einem Akt des Verfolgens und sieghaften Überwältigens.
in einen Akt des Zauderns und großmütigen Vergebens.
176
EDGAR WIND.
Aber auch das Gerät weist über sich hinaus auf eine Stufe, wo der
Mensch Objekte herstellt, nicht um mit ihnen wie mit Stäben zu hantie-
ren oder sie sich wie Kleider anzulegen, überhaupt nicht um durch sie
die mimischen Ausdrucksmittel seines eigenen Körpers zu erweitern,
sondern um sie sich gegenüberzustellen und sie aus der Entfernung zu
betrachten. Dies ist die Stufe, an der für Schleiermacher das Künst-
lerische überhaupt erst beginnt; denn erst hier tritt das retardierende
Moment im Ausdruck als bewußte Besinnung auf. Über das Recht die-
ser Definition als einer formalen Grenzbestimmung braucht man nicht
zu streiten. Aber man muß darauf hinweisen, daß zwischen dieser Stufe
der höchsten Distanzierung, wo die durch den Reiz ausgelöste Bewe-
gung im Akt der Kontemplation fast aufgehoben erscheint, und der
Stufe der engsten Bindung, in welcher Erregung und Ausdruck in der
ausgelösten Handlung fast völlig verfließen, zwei mittlere Stufen liegen:
die der ausdrucksgesättigten Muskelbewegung, deren beide Pole die
mimische An.spannung und die physiognomische Ruhelage sind, und die
der ausdrucksgesättigten Hantierung, die zwischen den Polen des so-
zialen Aneignungstriebes und des sozialen Entfernungswillens schwingt.
Wie wichtig gerade diese beiden Zwischenstufen für die Theorie der
Bildprägung und des Bildgedächtnisses sind, hat Warburg — wiederum
am Beispiel des Nachlebens der Antike — bewiesen; denn es waren die
antiken Ausch'ucksgebärden, — die Pathosformeln, um mit Warburg zu
sprechen — , die in der späteren Kunst immer wieder aufgenommen
und im Prozeß der Auseinandersetzung polarisiert wurden^). Aber
diese antiken Pathosformeln erschienen doch immer, indem sie als
Kunstwerke aufgefunden oder übermittelt wurden, in irgend einer
greifbaren Form für den hantierenden Menschen: als behauener Stein,
als bemaltes Papier, — jedenfalls als Objekte, die zum hantierenden
Menschen in einer gerätmäßigen Beziehung stehen. Und es ist nun für
das Verhältnis einer Epoche zur Antike unendlich bezeichnend, in wel-
cher räumlich-greifbaren Form sie diesen Pathosformeln Einlaß ge-
währt, ob sie das antike Kunstwerk in eine Sammlung stelh als Objekt
wissenschaftlich-archäologischen Interesses, oder ob sie es in eine Gar-
tenmauer einbaut als besitzanzeigendes Prunkstück, oder ob sie es gar
in verkleinerter Kopie als Nippesfigur auf den Kamin setzt. Das
Spannungsverhältnis zu ' diesen Objekten läßt sich an ihrem Gebrauch
im Sinne der Hantierung ermessen. Nichts ist charakteristischer für die
Entwicklung der Frührenaissance als daß sie den Pathosformeln der
Antike, deren erregungslösende Kraft sie aufs Höchste empfand, den
1) Vgl. Warburg, Dürer und die italienische Antike. In: Verhandlungen der
48. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Hamburg. Leipzig 1906.
WARBURGS BEGRIFF DER KULTURWISSENSCHAFT. 177
Einlaß in ihre Bilder zunächst in der höchst distanzierten Form der
Grisaille gewährte^ •
Hieraus folgt, daß selbst wenn man den Begriff der Ästhetik im aller-
engsten Sinne definiert, — als Theorie der bewußten Geschmacksbildung
und des abstrakten Schönheitsempfindens — man diese Theorie doch
nicht vollgültig entwickeln kann, ohne auf die elementareren Formen
des mimischen und gerätmäßig erweiterten Ausdrucks zurückzugreifen.
Denn hier ist der Nährboden, in dem jene feineren Gebilde ebenso wur-
zeln wie die Metapher im magischen Wortzauber, — ein Boden, über
den sie sich erheben müssen, um sich zu differenzieren, von dem sie
aber nicht losgelöst werden können, ohne abzusterben.
Weil aber dieses Verhältnis der relativen Bindung und Lösung ein
Spannungsverhältnis ist, darum ist das Problem der Polarität des seeli-
schen Verhaltens in der Geschichte der Ästhetik — von Plato bis zu
Lessing, Schiller und Nietzsche — als Zentralproblem empfunden und
behandelt worden. Nur indem man mit Warburg auf diese Grundfrage
zurückgeht, kann man sich auch dem Problem der Periodizität der
Kunstentwicklung nähern, mit dem Riegl und Wölfflin vergeblich ge-
rungen haben. Ja, die formalen Erkenntnisse, die wir diesen beiden
Männern verdanken, lassen sich im Sinne Warburgs fruchtbar machen
und mit einem realen Sinn erfüllen, wenn man das, was bei ihnen als
abstrakte Antithese stehen bleibt, als Bezeichnung der beiden Pole eines
Schwingungsvorgangs auffaßt, der sich als kultureller Auseinander-
setzungsprozeß geographisch-historisch festlegen läßt. Wenn etwa
Wölfflin — um auf das erste Beispiel zurückzugreifen — einen bestimm-
ten Begriff des Malerischen als einheitliche Stilfunktion definiert, die
so entgegengesetzte Erscheinungen wie Terborch und Bernini in sich
befaßt, so müßte sich diese Behauptung interpretieren lassen als Hin-
weis auf einen real-geographischen Auseinandersetzungsprozeß zwi-
schen Norden und Süden im Zeitalter des Barock. Die Namen Bernini
und Terborch würden dabei das Ausmaß eines geistigen Schwingungs-
vorgangs bezeichnen, dessen historisches, als soziale Einheit aufweis-
bares Subjekt die europäische Kulturgemeinschaft des siebzehnten Jahr-
hunderts wäre.
Wenn ich versucht habe, einen Begriff von Warburgs Forschungs-
weise zu vermitteln, so muß dieser Begriff doch leblos bleiben ohne
die Anschauung des zugehörigen Materials. Eigentlich ist auch dieser
Vortrag gedacht als Aufforderung zu einer Betrachtung der Bildtafeln,
die hier im Saale ausgestellt sind, — als Aufforderung ferner zu einem
1) Vgl. Warburg, Francesco Sassetlis letztwillige Verfügung. Schmarsow-Fest-
schrift. Leipzig 1907.
Vierter Ästhetik-Kongreß 1930. 12
178
EDGAR WIND.
Gang durch die Büchersammlung, die so geordnet ist, daß die Einzel-
probleme heraustreten.
Sie werden, wenn Sie dieser Aufforderung folgen, bemerken, wie sehr
Warburg, indem er seine Polaritätstheorie folgerichtig durchführte, dazu
gezwungen wurde, aus der traditionellen Domäne der Kunstgeschichte
heraus auf neue Gebiete abzubiegen, von denen der zünftige Kunst-
historiker sich meistens mit einer gewissen Scheu fernhält: Geschichte
der religiösen Kulte, Geschichte des Festwesens, Geschichte des Buches
und des literarischen Bildungswesens, Geschichte der Magie und Astro-
logie. Gerade weil es sich ihm um die Aufweisung von Spannungen
handelte, spielen die Zwischenstufen die größte Rolle. Das Festwesen
ist ja eine Zwischenstufe zwischen sozialem Leben und Kunst; Astro-
logie und Magie sind Zwischenstufen ' zwischen Religion und Wissen-
schaft. Und nicht genug damit, er hat diese Zwischenstufen immer an
historischen Epochen aufgesucht, die er selbst als Übergangszeiten, Zei-
ten des Konflikts, betrachtete: die florentiner Frührenaissance, die orien-
talisierende Spätantike, der niederländische Barock. Ja noch mehr: mit
Vorliebe wendet er sich innerhalb dieser Epochen dem Studium solcher
Männer zu, die durch Beruf oder Schicksal eine Zwischenstellung ein-
nehmen: Kaufleute, die zugleich Kunstliebhaber sind und bei denen der
ästhetische Geschmack sich mit Geschäftsinteressen kreuzt; Astrologen,
die Religionspolitik mit Wissenschaft verbinden und sich ihren eigenen
Begriff von „doppelter Wahrheit" machen; Philosophen, deren bildhafte
Phantasie mit ihrem logischen Ordnungsbedürfnis in Kampf gerät.
Und wenn Warburg dem einzelnen Kunstwerk gegenübertrat, so ereig-
nete sich ein Vorgang, der dem formal-ästhetisch geschulten Menschen
wie eine Paradoxie erscheinen mußte, und der auch Warburgs Methode,
Bildtafeln zusammenzustellen, das eigentümliche Gepräge gegeben hat:
das künstlerisch schlechte Bild fesselte ihn ebenso sehr wie das gute,
ja, aus einem Grunde, den er selbst ausdrücklich angab, oft noch
mehr: — Es ließ sich mehr daraus lernen. Als er den Freskenzyklus
des Palazzo Schifanoja auf seinen ikonographischen Sinn hin unter-
suchte — ein Bilderrätsel, das durch ihn seine geradezu phantastische
Lösung fand^), — da begann er seine Analyse bei demjenigen Meister,
der ihm von allen als der schwächste erschien. Und warum? Weil an
den Bruchstellen, die das schlechte Werk gewissermaßen vor dem guten
voraus hatte, das Problem der Auseinandersetzung, mit dem der Künst-
ler zu ringen hatte, deutlich wurde, — ein Problem, dessen kompli-
zierte Struktur man angesichts eines großen Kunstwerkes viel schwerer
bemerkt, weil hier der Künstler die Lösung so spielend bewältigt.
1) Italienische Kunst und internationale Astrologie im Palazzo Schifanoja zu
Ferrara. X. internat. Kunsthistorikerkongreß, Rom 1912.
Es ist eben hier wie in allen anderen Wissenschaften. Auch die
Physik hat das Phänomen des Lichtes in seiner Brechung durch ein
ungleichmäßiges Medium studiert. Und die moderne Psychologie ver-
dankt ihre größten Erfolge in der Erkenntnis der seelischen Funktionen
dem Studium jener Störungen, in denen die einzelnen Funktionen, statt
sich zur Einheit zu verbinden, auseinandertreten. Wer nur von den
großen Erscheinungen in der Kunst ausgeht, der verkennt — so lehrt
Warburg — , daß gerade im abgelegenen Kuriosum die bedeutendsten
Erkenntniswerte verborgen liegen. Wer immer gleich an Lionardo, Raf-
fael und Holbein, wo die stärksten Gegensätze ihren höchsten Ausgleich
gefunden haben, herantritt und sie ästhetisch genießt, d. h. in einer
Stimmung, die selbst nur ein momentaner harmonischer Ausgleich von
Gegensätzen ist, der wird glückliche Stunden verbringen, aber in die
begriffliche Erkenntnis vom Wesen der Kunst, die ja die Aufgabe der
Ästhetik ist, wird er nicht eindringen.*
Für die Büchersammlung gilt ein Entsprechendes. Verglichen mit
einer anderen Spezialbibliothek muß sie eigentümlich brüchig erschei-
nen, denn sie umfaßt viel mehr Gebiete als eine Spezialbibliothek sonst
umfaßt. Andererseits ist aber ihr Bestand auf jedem einzelnen Gebiet
nicht so lückenlos, wie man es sonst von einer Spezialbibliothek erwar-
tet. Ihre Stärke liegt eben auf den Grenzgebieten, und da es diese Ge-
biete sind, die auch im Fortgang der Wissenschaft eine kritische Rolle
spielen, so darf die Bibliothek von sich behaupten, daß ihr eigenes
Wachstumsgesetz mit dem der Wissenschaft, für die sie arbeitet, iden-
tisch ist. Je stärker die Arbeit auf den von ihr bezeichneten Grenz-
gebieten zunimmt, desto mehr füllen sich gleichsam automatisch ihre
Bestände. Das heißt aber: sie ist auf Mitarbeit angewiesen. — Daher
nimmt sie auch gerne die Gelegenheit dieses Kongresses wahr, um von
den Ästhetikern über ihr eigenes Problem belehrt zu werden: denn nach
Warburgs Worten ist sie eine Bibliothek, „die nicht nur reden, sondern
auch aufhorchen will".
/) -Co { .
UNIVERSITY OF LONDON— WARBURG INSTITUTE
FRITZ SAXL 1890-1948
A.ddresses by Professor Edna Purdie, Chairman of the Committee
of Management, and Dr. Rudolf Wittkower at the opening of the
Photographie exhihition in memory of ¥rit\ Saxl in the Warburg
Institute on i^th June, 1948.
I.
It is a high privilege, and one which I value, to be asked to open this
Exhibition, devoted to the memory of a great scholar, who was in the
deepest sense a humanist — a friend to humane studies of any and every
kind. The exhibition, as you will have seen, is designed as a memorial
to Professor Saxl ; and it is indeed commemorative in a double sense.
It not only reminds us of the immense ränge, variety and originality of
Saxl's work : but by demonstrating the aims and methods ofthat werk,
it illustrates the methods and outlook of the Institute to whose work and
welfare he devoted himself for more than thirty years. It is not my
province to eniarge upon the nature and arrangement of the exhibition—
Dr. Wittkower will speak with authority on this subject in a few moments.
But not even the layman can mistake the signs that are writ large upon
it — the wealth of knowledge which informed the enquiry into the great
theme of continuity in change ; the creative Imagination which was
at work in interpreting the vast masses of assembied facts ; the swift
Vision which enabied him to pierce to the heart of any subject. You
will perceive that a list of Saxl's writings is attached to the brief catalogue
of the screens which has been distributed. But much of the material
here displayed has been selected from hitherto unpublished lectures. He
was always consenting to requests for lectures — spending on each one of
them the inteljectual effort, the energy and subtlety of mind he brought
to all his major works of scholarship ; and to anyone who ever heard him,
it is no matter for surprise that they have provided so much material
for this exhibition. Everyone will welcome the fact that the members of
the staff of the Institute, who have planned and carried out the exhibition,
have also a project of Publishing a substantial volume of lectures delivered
by Saxl on various occasions.
In such a gathering as this, which may perhaps be descrtbed as that of a
large family and its many friends, there is little need to stress the long
connection between Saxl and the Warburg Institute. Indeed, it would
be inappropriate for me to do so. But I should like to say a little about
something of which I nnyself, and many of my colleagues in this University,
have had experience in the last few years. It was not an easy matter to
bring an Institution so individual — so personal, if the term is admissible —
into a defined relationship with the large Organisation of a large University.
Both parties to this process have had to adapt their habits, to some extent
at least, to bring about a fruitful co-operation. But the impact of Saxl 's
Personality on all who were engaged in this endeavour was such that no
effort seemed too great to achieve the objects that he thought important.
His power to convince people of the values in which he believed, his gift
of stimulating enthusiasm and directing effort, were demonstrated no less
surely when he was in contact with people outside the Institute than when
they were exercised within its walls. Committee meetings had their
moments of Illumination, when a brief glimpse of the trend of some piece
of work, or of some scholar's special gifts, would be thrown out in casual
comment on a practical proposal. It is significant that this should have
been so. It demonstrates I think something which was fundamental :
the gifts of a great teacher as well as a great scholar. One of the under-
graduate students (in a subject other than Saxl 's own) who attended one of
his courses, said recently : ' ' Some of the things he told us by the way we
shall never forget " — and with that curious discernment which the young
sometimes display, she hit on one of the revealing aspects of his personality.
Many a senior scholar in this University, even those who first m^t Saxl in
the unpromising atmosphere of University negotiations, has feit the same.
The Stimulus he has given to studies other than his own will not easily be
forgotten ; and among the world-wide tributes to his humane scholarship,
we in London can voice a modest and personal sense of the high privilege
we enjoyed in the manifold contacts with him which came our way. This
feeling lends to the memorial exhibition an intimacy which I think those who
planned it may have wished to suggest ; and it is with a very real sense of
privilege that I declare this Exhibition open.
E. P.
II.
Before you look at the exhibition, I should like to say a few words about
it on behalf of my colleagues in the Institute.
This is an exhibition in memory of a great scholar who, like any other,
had to use the written or spoken word. We are all familiär with memorial
exhibitions for artists, but as far as I know this is the first attempt ever
made to present the life work of a scholar in Visual form. Yet, when we
were wondering how best to pay homage to our friend and teacher,
Fritz Saxl, the idea of a visual bibliography, as it were, occurred quite
spontaneously. And the reason is very simple. In all Saxl's work visual
objects were the centre and point of focus. Of course, it is impossible to
Condense the subtle content of a book or a lecture into half a dozen
pictures on a screen. All we can offer is a florilegium. But we hope that
these photographs — so few in proportion to the multitude of Images that
peopied Saxl's mind — do convey something of his approach to the history
of man and the depth of his vision.
Saxl began, while still an undergraduate, with what may seem rather a
Strange combination of interests : on the one hand, the work of a great
and intensely individual artist — Rembrandt ; on the other, the tradition
of astrological images — most anonymous and offen of very indifferent
artistic merit — spanning many centuries and many cultures. These two
subjects fascinated him all his life, and you will see that they claim a large
space in the exhibition.
Both interests, however, find coherence in Saxl's constant desire to
penetrate the human significance of images. It was not only the formal
quality in Rembrandt's art — deeply as he enjoyed it for its own sake — that
stirred him. In Rembrandt's paintings, drawings and etchings he feit the
Spiritual forces that moved Rembrandt's life — the great art of the south,
classical antiquity, his religious faith. Similarly, the migration and trans-
formation of astrological figures from their remote classical and oriental
origins to their ascendancy in late mediasval Europe was not for him simply
a theme for abstract analysis. The series of visual documents told of the
age-long hold of cosmological beliefs on the human mind and the history
of man's struggle to understand his own destiny.
The simplicity of Saxl's results must not deceive us. He loved detective
work and he was a master of elaborate historical analysis. Those who had
the privilege of working dose to him know through what tangles of
heterogeneous material he found his firm path to the understanding of
such things as the Salone in Padua or the mediäval illustrated encyclopasdia.
But whether he started with the simple document or the individual
artist, or with a dense and complex mass of stubborn evidence, he had a
Single historical purpose — to see the spirit of man working in the images
he made to express himself. With sure instinct, he dwelt on the crucial
historical moments, when civilisations and ideas clashed. His work never
degenerated into mere specialisation or a bloodless abstract history of
ideas. When he watched the encounter of Roman with indigenous culture
in Britain, he at once raised the problem from the level of pure archaeology
to that of a concrete human issue. How, he asked, did the conqueror
approach the native ? How did the native react to the victor ? The
monunnents would yield the answer, if only we can learn to read their
language. It was the sanrie with Saxl's study of early sarcophagi. He was
not sinnply out to distinguish their fornna! elements but to show the
Christian faith at grips with the beliefs of Paganism and Judaisnn.
In his later research Saxl seemed to concentrate more and more on single
Personalities, seeing history at work in them. Known or obscure, they
stand before us as men of flesh and blood. Through the eyes of Velasquez
we see the growth and movement of Philip IV's personality and, in the
portraits of the two men, the King and his painter, the whole ethos of the
Catholic Spanish Court. In the epigraphical notes of a minor humanist,
Bartholomaeus Fontius, we feel the passion which underlay the collecting
of Roman inscriptions and what they meant to people of Fontius' time.
The nameless 7th Century Northumbrian carver of the Ruthwell Cross,
inspired by forms Coming to him from the Near East and Byzantium,
reveals himself as a shining beacon of English Christianity.
The encounter of one culture with another, the power of astrological
imagery, the evidence in art of man's relation with God — this was the sort
of problem which Saxl thought worth a life-time's study and which he
informed with his own humanity. Such enquiries, though always concrete,
were never bounded by the particular instance he chose. The small
fragment was part of a larger process in history to which we also belong.
It was this awareness of personal implication that gave Saxl's work its
moving quality and its urgency, and we hope that something of this urgency
can be detected in the reflection of the exhibition. Tua res agitur.
I wonder whether Saxl would have approved of a purely personal
exhibition. Surely not. But we believe that he might have accepted
this — one of a long line of Photographie exhibitions he has inspired — as an
almost impersonal statement of historical method. Inevitably the exhibi-
tion expresses the aims of the Institute. It cannot escape you that the
subjects shown here — whether they concern the transmission of the
Images of the classical gods through the Middle Ages or the history of
mediceval encyclopaedias, Holbein's humour or Titian's Bacchanals — all
lead back directly or indirectly to the cradle and criterion of western
civilisation : the classical cultures of the Mediterranean.
R. W.
Einzeln nicht im Buchhandel. Ueberreichi vom Verfasser.
Im
Abdruck ans
Bericht über den XII. Kongreß der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie in Hamburg
vom 12.~16. April 19B1
Im Auftrage der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
herausgegeben von
Gustav Kafka
Verlag von Gustav Fischer in Jena
1932
r r ' " (/ " /' (t u »• t a r F i a c Ii c r i ii ./ c -/( «
Berichte über die Kongresse
der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
herausgegeben von Prof. Dr. Karl Bühler (7.-9. Kongreß)
Prof. Dr. Eridi Beiher (10. Kongreß), Prof. Dr. Hans Volkelt (11. Kongreß)
Prof. Dp. Gustav Kafka (12. Kongrelij
VII. Kongreß, Marburg 20.— 23. April 1921. ¥i< ^t^i-- " .xt. IV, 192 S.
gr. 8» 1922 Rmk 3.60
Inh-''- ' \,:iei\iie. b. i\. Jae lisch, Uebey die subjektiven An-
sehet imiigsb.-- (riüL Vorführung von Versuchen). Mit 7 Abbild. — D. Katz, Psycho-
logische Erfahrungen an Amputierten. — \V. Poppelreuter, lieber Hirnverletzungs-
psychologie. — J. B. Rieffert, Psychotechnik im Heere. / II. Referate über die
gehaltenen Vorträge.
VIII. Kongreß, Leipzig 18.— 21. April 1923, Mit 8 Abbild, im Text. IV, 216 .S.
gr. 8» 1924 Emk 7.—
Inhalt: I. Saninielreferate : O. Selz: Ueher die Persönlichkeitstypen und
die Methoden ihrer Bestimmung.*) — R. Sommer, lieber Persönlichkeitstypen. —
F. Krueger, Der Strukturbegriff in der Psychologie *) — W.Peters, Vererbung und
Persönlichkeit.*) Mit 5 Abbild, im Text. / II. Referate über die gehaltenen
Vorträge.
IX. Kongreß, München 21.— 25. April 1925. Mit 39 Abbild, im Text. IV, 250 S.
gr. 8" 1926 Kmk 10.—
Inhalt; 1. Sammelreferate: K. Bühl er, Die Instinkte des Mensche». —
A. Gelb, Die psychologische Bedeutung pathologischer Störungen der Raumwahr-
nehmungen. Mit 4 Abbild. — H. Volkelt, Fortschritte der experimentellen Kinder-
psychologie.*) Mit 34 Abbild. / II. Referate über die gehaltenen Vorträge.
X. Kongreß, Bonn 20.-23. April 1927. Mit 30 Abbild, im Text. IV, 200 S.
gr. 8» 1928 Kmk 10.—
Inhalt: 1. Sammelreferate: Charlotte Bühler, Sozialpsychologie. Mit
I Abbild. — Fried r. Sander, E.rper im enteile Ergebnisse der Gestaltpsychologie.
Mit 22 Abbild. II, Referate über die gehaltenen Vorträge.
XI. Kongreß, Wien 9,-13. April 1929. Mit 46 Abbild, im Text. XVI, 213 S.
gr. 8" 1930 Rmk 11.—
Inhalt: 1. Sammelreferat : W al t h e r M o e d e , Ps?/cAofec/«»MA;. Mit 23 Abbild. /
II, Vortrag : 0 1 1 o S e 1 z , Die Struktur der Steigerungsreihen und die Theorie von
Raum, Zeit und Gestalt. Mit 2 Abbild. / III. Referate über die gehaltenen
Vorträge.
XII. Kongreß, Hamburg 12.-16. April 1931. Mit 14 Abbild, im Text und 2 Tafeln.
VIII, 480 S. gr. 8« 1932 Kmk 20.—
*) Diese I'.eiträge sind auch in Sonderausgaben erschienen.
Auf (Inind der vierten Notverordnung ermäßigen
sich die Preise für 7.— II. Kongreß um. lO^io
Die Ausdrucksgebärden der bildenden Kunst.
Von F. Saxl (Hamburg).
„Ich hatte gehofft", sagt Darwin^) in der Einleitung zu dem
Grundwerk der Ausdruckskunde, der Abhandlung über den Ausdruck
der Gemütsbewegungen beim Menschen und den Tieren, „ich hatte
gehofft, von den großen Meistern der Malerei und Bildhauerkunst,
welche so eingehende Beobachter sind, eine große Hilfe zu erhalten.
Ich habe daher Photograi^hien und Kupferstiche vieler allgemein be-
kannter Kunstwerke genau betrachtet, habe aber mit wenigen Aus-
nahmen dadurch keinen Vorteil erlangt."
Es ist in unserem Zusammenhang aufschlußreich, dem Grund
jener Enttäuschungen Darwins nachzugehen. Darwin selbst gibt
uns folgendes an: Der Grund hiervon ist ohne Zweifel der, daß bei
Werken der Kunst die Schönheit das haujjtsächlichste, oberste Ziel
ist. Und stark kontrahierte Gesichtsmuskeln zerstören die Schönheit,
werden daher — fügen wir hinzu — nicht dargestellt.
Inwiefern hat sich die Stellung der Psychologie zu dem in den
Werken der bildenden Kunst geformten Ausdrucksmaterial seit den
Zeiten Darwins verändert?
Was Darwin beschäftigte, war die evolutionistisch gesehene Ge-
schichte des Gemütsausdrucks, die Geschichte des Gemütsausdrucks
vom Tierischen zum Menschlichen hin. Einem so gerichteten Forscher
kann die bildende Kunst kaum Material liefern. Sie zeigt die Ge-
bärde des Zornes, das Drohen mit der Faust z. B., aber diese Ge-
bärde läßt sich natürlich für den Psychologen in der Wirklichkeit
besser beobachten als im Bilde. Und was für die Darstellung der
menschlichen Gebärde gilt, gilt erst recht für die Tierbilder. Der
Psychologe der Richtung Darwins will die Gebärden des Lebens
— und nur diese — so objektiv wie möglich festhalten, am Uebsten
durch einen Apparat aufnehmen lassen. Diese Psychologie steht der
Kunst als einer bloßen Nachahmung gegenüber, die hinter dem Original
immer und notwendig zurückbleibt.
') Der Verfasser ist in der Abfassung dieses Aufsatzes durch die Mitarbeit
seines Freundes Walter Solmitz so weitgehend unterstützt worden, daß er sich
nur durch dessen Einspruch daran hat verhindern lassen, ihn im Titel als Mit-
verfasser zu nennen.
^) The Expression of the Emotions in Men and Auimals, London 1872. Deutsche
Übersetzung v. J. Victor Carus, Stuttgart 1872, S. 14.
14
F. Saxl.
Ihr bietet die Kunst also zweifellos kein weites Forscliungsfeld.
Es ist der Film, der hierfür tausendniiil bessere Dienste leistet, als
die gesamten Werke der bildenden Kunst. Darwin mußte und hat
daher den größten Wert dai'auf gelegt, daß seine Darlegungen nicht
durch Kunstwerke, sondern durch Moment])liot()gra])hien dokumen-
tarisch belegt wurden.
Anders sieht aber die Problemlage aus, weiui wir von der heutig e n
Psychologie ausgehen. Die Psychologie ist heutigen Tages gewil)
wie zu den Zeiten Darwins auch an dem Problem des Verhältnisses
der tierischen Handlung zu der menschlichen Gebärde interessiert,
aber wie sie gelernt hat, das tierspychologische Problem unabhängig
von dem menschenpsychologischen zu betrachten, so betrachtet sie
auch das Problem der menschlichen (lebärde nicht blos evolutionistisch.
Sie betrachtet die Gebärde als bildhaften Ausdruck, dessen Wesen
sie zu ergünden sucht, ohne Rücksicht auf dessen entwicklungsgeschicht-
liche Herleitung. Die Denkweise dieser, die Ausdrucksgebärde selbst
als bildhaft betrachtenden Psychologie steht also der ästhetischen und
kunstgeschichtlichen schon methodisch in vielem nahe.
Das zentrale Interesse der heutigen Psychologie am Wesen von
Mimik und Gebärde liegt darin, daß — wie B u y t e n d i j k und
Plessner es formuliert haben - „Elemente dessen, was in der Mimik
und Gebärde sinnlich-bildhaft gegeben ist, der Modalität nach zugleich
Elemente des Psychischen sind und diese Elemente einer gemeinsamen
Form- und Funktionsgesetzlichkeit (die sich freilich im Physischen
anders ausprägt als im Psychischen) unterstehen : der Gesetzlich-
keit der Sphäre des Verhaltens"
Analog zu der SprachiDsychologie steht als ein wesentlicher Teil
der Gesamtpsychologie heute die Psychologie der Gebärde als einer
symbolischen Form.
Obwohl also die Psychologie an dem Problem der (irebärde im
allgemeinen in ganz anderer Art interessiert ist als die Psychologie
des 19. Jahrhunderts, so hat dennoch auch sie bisher, soviel mir
wenigstens bekannt ist. ihr Interesse nicht der im Kunstwerk dar-
gestellten Gebärde zugewendet. Denn auch ihr ist die Gebärden-
darstellung im Kunstwerk eine bloße (und noch dazu wertende) Ab-
straktion aus der Fülle des Sichgebärdens in der Wirklichkeit.
Während also Darwin das psychologische Phänomen der Ge-
bärde aus den vitalen Zusammenhängen biologisch verständlich
F. I. I. Buytendijk und H. Plessner, Die Deutung des mimischen Aus-
drucks. In: Philosophischer Anzeiger, Jg. 1, 1925/26, S. 126.
Die Ausdrucksgebärdeu der bildenden Kunst.
15
machen will, während tlie moderne Psychologie, au der Charakteristik
des I n d i V i d u m s interessiert, die Gebärde weniger als Ausdruck einer
Gemüts 1) e w e g u n g denn als Ausdruck einer G emüts struktur (j ede
einzelne Bewegung als charakteristisch für den ganzen Menschen) und
als Ausdruck einer ])ers()nlichen Verhaltensweise verstehen will, wurde
War bürg auf einem durchaus entgegengesetzten Weg zum Problem
der Gebärde geführt, l'm Einblick in die Psychologie des künst-
lerischen Bildens zu gewinnen, mußteer versuchen, die Bedeutung
des Gemütsausdrucks und der Gebärde für das Bilden, die Bedeutung
des Bildes für Gebärde und Gemütsausdruck zu klären — und so
gewann er gerade von der Betrachtung der Bildformen aus Einblick
in das AVesen der Ausdrucksgebärde.
Seit dem Ende der achtziger Jahre bis zu seinem 1929 erfolgten
Tod - also durch mehr als 40 Jahre hindurch — hat Warburg
(ursprünglich im Anschluß an Darwins Buch und an die Lektüre
von Vischers ..Symbol" '■) und die Psychologie der neunziger Jahre)
seine Studien zur Psychologie der Ausdruckssymbole der l)ildenden
Kunst getrieben. Die Bibliothek, die er errichtet hat, dient der
Erforsch u n g d e !• G e s c h i c h t e der Aus d r u c k s s y m b o 1 e.
Sie ist historisch geordnet, ihr Grundgedanke zugleich systematisch-
psychologisch. Das 1. Geschoß enthält die Materialien zu einer Psycho-
logie des Bildes, das 2. Geschoß beginnt mit einer kleinen Sammlung
psychologischer Werke, jenem Ausschnitt aus der Psychologie, der
das Problem des Symbols im allgemeinen, des Ausdrucks, der Schrift-
kunde und Mimik sowie der Gedächtnisfunktion l)etrifft. Dann folgen
die Materialien zur Religionspsychologie und ihrer einzelnen Probleme,
Ekstase, Mystik usw. und historische Materialien zur Geschichte der
Religion, Kosmologie, Naturwissenschaft und Philosophie. — Das 3. Ge-
schoß enthält das Wort (Sprache, Literaturen, Geschichte der Über-
lieferung der klassischen Bildungsstoffe), das 4. endlich die „Hand-
lung'", d. h. j)olitische Geschichte, Geschichte der sozialen Formen
z. B. besonders auch des Festwesens.
Den endgültigen Ertrag seiner Studien wollte War bürg in einem
Atlas niederlegen, der eine vergleichende Betrachtung der Ausdrucks-
werte von Antike und Renaissance bieten sollte. Aus diesem unvoll-
endeten Atlas der Gebärdensprache in der bildenden Kunst des
klassischen Altertums und der Renaissance, den die Bibliothek in
einigen Jahren abrunden und herausgeben zu können hofft, und aus
') Friedrich Theodor Vischer, Das Symbol, Leipzig 1887, in: Philosophische
Aufsätze, Ed. Zell er gewidmet.
16
F. Saxl.
unserer weiteren Arbeit an diesem Problem, möchte ich mir erlauben,
Ihnen einiges vorzulegen.
Es handelt sich in erster Linie um Phänomene der Prägung von
bleibenden Ausdrucksformen, sowie deren Veränderung und Wieder-
aufnahme in späteren Etappen der Geschichte der Menschheit.
Warburg hat die Tatsachen für diese Phänomene innerhalb des
Kreises der klassisch-europäischen Kultur des Altertums und der Neu-
zeit gesammelt. Diese Beschränkung auf den europäischen Kulturkreis
ist insofern natürlich, als es zwar gewisse allgemeine sehr ver-
breitete Elemente der Gebärdensprache gibt, aber die spezifische
Gebärde ebenso Eigenart eines Kulturkreises ist, wie dessen Sprache
oder Schrift. Wie uns das Chinesische „chinesisch" ist, so sind uns
auch die meisten Gebärden des Chinesen ohne Unterricht undeutbar.
Zweifellos müßten aber auch parallele Untersuchungen in den nicht-
europäischen Kulturen angestellt werden, Untersuchungen, zu denen
die Bibliothek Warburg gern ihre Hilfe bieten würde.
Es handelt sich im folgenden erstens um die Grundtatsache, die
wir beobachten können, daß in der klassisch-antiken Kunst Ausdrucks-
motive so exemplarisch geprägt werden, daß sie alle früheren, ver-
wandten, zu verdrängen imstande sind.
In einer Arbeit über die Bilddenkmäler des Mithraskultes \) hat
der Verfasser den Nachweis erbracht, daß der Typus, den die Bild-
hauer der Parthenon-Metopen für den Kampf zwischen Lapithen und
Kentauren geprägt haben, von anderen Bildhauern für eine Fülle
anderer Bildstoffe verwendet wurde: Für die Nike, die den Stier
opfert ebenso, wie für Perseus und Bellerophon, Herakles im Kampf
mit dem Stier, mit der Hydra oder dem Giganten, für den Kampf
des Griechen mit der wehrhaften Frau, der Amazone, wie endlich
für die Darstellung der vom Osten her eingewanderten Gottheit
Mithras, deren Kampf mit dem Stier die Erschaffung der Frucht-
barkeit auf dieser Erde bedeutet. Jacobsthal wird der Hinweis
darauf verdankt, daß unser Bildtypus auch jenen Aktaeon-Bildern
zugrunde liegt, auf denen der Jäger dargestellt ist, wie er von seinen
eigenen Hunden angefallen wird.
Die Dokumente der älteren griechischen Kunst und die figu-
rierten Siegelzylinder des vorderen Orients sind uns in einem solchen
') F. Saxl, Mithras. Berlin 1931.
Paul Jacobsthal, Aktaions Tod, in: Marburger Jahrbuch f. Kunstwissen-
schaft. Bd. 5. 1929.
Die Ausdrucksgebärden der bildendeu Kunst.
17
Ausmaße erhalten, daß wir auch den Prozeß der Bildung dieses
Typus verfolgen können, der späterhin zu solcher Ausbreitung ge-
langte. Der altorientalische Steinschneider stellt den Stierkampf, der
ein Hauptthema seines Bildens ist, grundsätzKch anders als der euro-
päische dar. Er zeigt nicht die Siegergehärde des Aufknieens, son-
dern stellt Mensch und Tier gleich groß einander gegenüber. Wie
grundeuropäisch unser Bildtypus ist, geht daraus hervor, daß er sich
in nuce schon in der tiefsten Schicht der mit Griechischem zu-
sammenhängenden Kunst, in der Grlyptik Kretas findet. Die Etappen,
die zwischen der kretischen Gremme und der Parthenon-Plastik hegen,
lassen sich leidüch überblicken. In der Frühzeit läuft der Kämpfer
mit gehobenem Knie neben dem Tier, nach dessen Kopf er faßt;
später kniet er auf dem aufgerichteten Hinterteil des Tieres ; in Delphi
wird die entscheidende Formulierung gewonnen, daß der Kämpfer
auf dem niedergebrochenen Tier aufkniet. Die Bildformel des unter-
geschlagenen Beins, das auf dem Tier aufruht, finden endlich die
Bildhauer vom Parthenon in der Zeit des Perikles.
Damit ist das erste Phänomen deutlich hingestellt. Am Ende
einer langen A'crsuclisreihe, den bildlichen Ausdruck einer Gebärde
— hier Sieg des Menschen über die Bestie — zu formen, steht ein
Typus. Die Frage, die der Jvunsthistoriker an den Psychologen zu
stellen hätte, wäre: Ist diese Bildung eines Aus drucks typ us
in der bildenden Kunst nur ein kunsthistorisches oder nicht auch in
hervorragendem Maße ein Problem der Gebärdenpsychologie?
Welche Eigenschaft, welche seelische Funktion der Gebärde ist
es, die zu der Entstehung eines derart konstanten Typus ihrer bild-
lichen Darstellung führt?
Man wird aber vielleicht geneigt sein, bei den vorgeführten Fällen
die Bilder gar nicht als Bilder von Ausdrucksgebärden gelten zu
lassen, weil sie vielmehr Bilder von Handlungen seien. Der Stier-
töter kniet auf dem Stier, weil es der Zweck so verlangt. Um des
Zweckes willen greift er nach dem Kopf des Tieres und tritt auf den
Bücken.
Von vornherein muß man sich aber klar sein, daß jede bild-
liche Darstellung einer Handlung von sich aus dahin tendiert, diese
Handlung als Gebärde aufzufassen : weil nämlich die bildliche Dar-
stelhmg aus dem Verlauf der Handlung nur einen Moment zu er-
fassen im Stande ist. Und weiterhin läßt sich gerade an unserem
Beispiel verfolgen , daß wohl die im Stadium des „Suchens" ent-
stehenden Darstellungen mehr die Handlung, die zum Typus ent-
18
F. Saxl.
wickelte Darstellung dagegen vorzüglich die Ausdrucksgebärde zum
Ausdruck bringen.
Die Mithras-Reliefs der Spätzeit zeigen z. B. die älteren Motive —
wie das Tier am Kopf gefaßt wird, der Mensch auf dessen Rücken
kniet — ohne daß dem Plastiker irgend daran gelegen wäre, die
Handlung darzustellen. Mithras blickt nicht nach dem Tier, das er
bekämpft, sondern heraus auf den Beschauer ^). Dies kann uns lehren,
daß hier die beiden Motive, Griff nach dem Kopf der Bestie und
Aufknien des Siegers, nicht, oder doch keinesfalls bloß Handlungs-
elemente der Darstellung sind , sondern vielmehr Ausdrucks-
gebärden im Sinn des Psychologen ; wir dürfen sie als Kanipf-
und Siegesgebärde kat'exochen umschreiben.
Machen wir uns nun den Vorgang der Bildung unserer Bild-
formel für den Sieger über das Tier klar:
Die Gebärde des Lebens läuft in der Zeit und im Raum ab ;
die Darstellung der bildenden Kunst ist notwendig einmomentig
(selbst die sog. Simultanbilder der neuesten Malerei vermögen auch
nur mehrere Phasen in einzelnen Bildern aneinander zu reihen). Aus
der Fülle der Gebärden eines Stierkämpfers, die in der Tiefe des
Raumes und im Ablauf der Zeit geschehen, sind gewisse Bewegungen
der Körper als besonders ausdrucksvoll ins Bewußtsein getreten. Im
Augenblick des Sieges läßt der Sieger z. B. die Hand auf den Kopf
der erlegten Bestie herabsinken und dort vielleicht nur einen Augen-
blick lang zum Zeichen seines Sieges ruhen. Mit dieser Art von
Gebärden hat es die Psychologie ja auch üblicherweise zu tun. Solche
Gebärde kann man vielleicht heute noch, etwa bei Stierkämpfen in
Spanien, filmen.
Die bildende Kunst wählt nun ;ius diesen transitorischen Ge-
bärden, die in der Fülle des Raumes und in der Fülle der Zeit von-
statten gehen, bestimmte Gebärden zur Darstellung eines Ausdrucks
aus. (Das Prinzip ihrer Auswahl, die Psychologie dieses Aktes, kann
nicht von uns erörtert werden). Die Ausdrucksformeln der künst-
lerischen Gebärdensprache sind also im Verhältnis zur Gebärden-
sprache des Lebendigen, die doch auch sclion „Ausdrucksform" ist,
nur (oder besser: sogar) gleichsam Aus d r ii c ks f o r m e n zweiter
Potenz.
s. F. Saxl, f'rühes Christentum und spätes Heidentum in ihren künstle-
rischen Ausdrucksformen, in : .Jahrb. f. Kunstgeschichte, Bd. II (XVI), 1923, 2. H.,
S. 81 und Abb. öO.
Die Ausdrucksgebärtlen der bildeiuleii Kirnst.
19
Eine von diesen einmomentigen und bloß zweidimensionalen Ge-
bärdenfonneln der Kunst entwickelt sich dann in einem oft durch
Jahrhunderte gehenden Selektionsprozeß zur typischen Aus-
drucksforni.
Und diese Ausdrucksforni hat nun. wie der Historiker beobachtet,
eine solche Kraft, daß sie Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang leben-
dig bleibt und die verschiedensten Inhalte a u f n e h m e n kann,
Inhalte so verschiedener Natur, daß diese, wie gezeigt wurde und
noch genauer gezeigt werden soll, selbst gegensätzlicher Art sein
können.
Der Heraklestypus ki\nii zu dem der Nike werden, der Niketypus
zur Ausdrucksform für den Erlösergott der jjersischen Lichtreligion,
Mithras.
Wie die eurojjäische Menschheit in den Frühstadien ihrer Kultur-
en twicklung. so neigt auch das Kind M dazu, Darstellungsformen nicht
nur zu stereotypisieren, sondern es kann diese stereotypen Formen,
die es einmal gefunden hat. dann auch in anderen Zusannnenhängen
verwenden. s(i neue Typen bildend.
Wenn ich es genauer präzisiere, so wären die psychologischen
Probleme, die sich dem Historiker wenigstens in diesem Zusammenhang
als erste aufdrängen: welcher besonderen Art sind die Ge-
bärden, die zu zentralen Bild typen einer Kultur werden, und
welche Wirkungen gehen von der gefundenen Bildformel einer
Gebärde auf die späteren Gebärdenformeln aus?
Diese psychologischen Fragen erlaube ich mir lediglich zu stellen.
Nur auf eines möchte ich in l)ezug auf die Art der Nachwirkung von
Bildformeln für Gebärden aufmerksam machen, da es im weiteren Zu-
sammenhange uns noch wichtig wird. Es leuchtet ein, daß gerade in
der Bildgebärdensprache im (iegensatz zu der gewöhnlichen Sprache
ein Fond aus der Urzeit den Späteren übermittelt werden
kann und wird. Die wilden Völker sind es, diese geborenen Panto-
mimen, die alles, was sie wollen, lebhaft nachahmen und darin ihre
eigentliche Denkai't zeigen. Daher gehen auch ihre Gedanken, sagt
Herder im 9. Buch der Ideen zur Geschiclite der Menschheit, so
leicht in Handlung und lebendige Tadition über. Aus dieser leben-
digen Tradition der Mimik und Gebärde sind jene Urtypen der
bildenden Kunst geschöpft.
') Georges Eouma, La Langage (iraphique de l'Enfant, besonders Kap. X,
S. 200 ff. Bruxelles 1913.
2*
20 i^'- f^axl.
Dieser (jedankengaug deutet au, welche wichtige Holle der l)ild-
gewordenen Gebärde in der Geschichte des menschlichen Ausdrucks
zuzuweisen ist. Sie wird immer eine Erlialterin der Frühstadien
menschlicher Kultur in der Geschichte sein.
Und nun genug dieser Betrachtungen. Ich kann zwar nicht ver-
suchen, in folgendem Ihnen die Geschichte der dargestellten Gebärde
im Altertum, Mittelalter und Neuzeit der euroixiischen Kultur im
einzelnen aufzuweisen. Dafür fehlen auch noch fast alle Vorarbeiten.
Ich möchte aber doch unternehmen, gerade an die letzten (Gedanken-
gänge anknüj)fend, Ihnen als Historiker zu zeigen, wie solche „Ur-
worte der Gel)ärdensprache", wie AV'arburg sie genannt hat, in einer
bestimmten Epoche der europäischen Kultur, nachdem sie längst ver-
gessen schienen, wieder lebendig geworden sind. Es handelt sich
um die psychologische Seite des K u 1 1 u r p r o b 1 e m s der
E e n a i s s a n c e.
Die ersten Beispiele, die ich vorführen möchte, umfassen eine
Gruppe besonderes Art.
1. Der über Goliath triumphierende David des Castagno^) ist
nach dem Vorbild einer antiken Statue geformt, die den Niobiden-
l)ädagogen darstellt, der vor dem Zorn der Götter erschrickt.
David hebt triumphierend die Kechte, der Pädagoge streckt sie
abwehrend aus.
2. Dona teil OS Belief der Krankenheilung durch St. Antonius
in Padua benutzt eine antike Komposition, die uns in mehreren
Exemplaren erhalten ist und die Zerreißung des Pentlieus dar-
stellt. Auf dem antiken Eelief rissen die Maenaden ihrem Feind
das Bein vom Leib, auf dem Benaissancerelief bedeutet die Dar-
stellung dagegen gerade das Anheilen des verletzten Beines.
Endlich
H. Duccio benutzt zu seinem ..Wunder des heiligen Bernhardus" —
dem Heiligen werden von einer Mutter 2 Kinder zugeführt —
einen antiken Medeasarkophag. auf dem die Mutter ihre Kinder
zum Tode führend, dargestellt war.
In allen drei Fällen sind also Vorprägungen der Antike zur Dar-
stellung verwendet worden. Der Künstler hat die (lebärde des Siegers
Früher Pollajuolo zugeschrieben, siehe J. P. Ri eh te r (Catalogue ofPictures
at Locko Park, London 1901), Nr. 201, S. 83. — Die Zuschreibung- au Castaguo
stammt von B. Berenson, siehe Pictures in the (-ollection of P. A. P. Widener
Philadelphia 1916, I. Early Italian Masters Nr. 9.
Die Ausdrucksgebärden der bildenden Kunst.
21
nicht neugefunden, nicht die Heilungsgruppe und auch nicht die Gruppe
der Mutter, die ihr Kind zum AVunder führt. In allen drei Fällen sind
von der klassischen Kunst in einem langen Bildungsprozeß gewonnene
Formeln wieder aufgenonnuen, und zwar e n e r g e t i s c h i n v e r t i e r t ^).
Aus der Tötung wird Heilung und aus dem Schrecken Sieg.
Das antike Ausdruckssymhol kann also, das lehren diese Tat-
sachen, ambivalent sein. Es kann eine Inversion des ursprüng-
lichen Gehalts eintreten, wie wir das verwandt schon beim Aktaeon
gesehen haben (siehe oben S. 16).
Diese Fälle energetischer Inversion sind Sonderfälle des all-
gemeinen Phänomens der Wiederaufnahme antiker Ausdrucksgebärden
im Zeitalter der Renaissance.
Von diesem allgemeinen Phänomen hat Warburg in dem Sinn
gehandelt, daß er zu bestimmen versuchte, welche Bilder und Aus-
drucksgebärden es sind, die in den von den heidnischen Vorfahren
geprägten Formeln wieder aufgenommen werden. Läßt sich ein
Grundprinzip erkennen, nach dem die Auswahl im Vorrat
der geprägten Erbmasse erfolgte ?
Wir haben hier an den Wänden eine Anzahl von Renaissance-
kunstwerken zusammengestellt, um deren sog. „Abhängigkeit" von
antiken Werken vor Augen zu führen. Die Tafeln sind zumeist so
angeordnet, daß voran das antike Kunstwerk abgebildet ist, dann
dessen mittelalterhche Umformungen und endlich die Restitution der
antiken Formel in der Kunst der Renaissance.
Ein mittelalterlicher Simson, der auch im Mithrastypus dar-
gestellt wurde, unterscheidet sich von einem Renaissance-Mithras vor
allem dadurch, daß die mittelalterliche Plastik neben der der Re-
naissance wie bewegungslos erscheint. Dasselbe gilt, wenn wir einen
spätmittelalterlichen nordischen Holzschnitt, der die Tötung des
Orpheus — also eine der am stärksten pathetischen Szenen der
antiken Mythologie — darstellt, mit einem italienischen Renaissance-
bild desselben Themas vergleichen; und der Gegensatz, der sich hier
zeigt, offenbart sich nicht etwa nur bei einem Vergleich nordischer
und südlicher Werke, sondern genaii so, wenn wir italienische Bild-
werke des 14. Jahrhunderts mit solchen des 15. vergleichen, z. B.
einen Tanz der Salome von Andrea Pisano mit dem des
Filippino Lippi, oder die D a p h n e miniatur einer italienischen
') Dieser Ausdruck, sowie der folgende „Ambivalenz" und die Nachweise stammen
von Warburg.
22
F. Saxl.
Haiidsehrift des 14. Jahrlmnderts mit der Daistelluiig des Stoffes auf
dem ßemiissance-Cassone der Sammlung Berenson in Florenz.
Untersucht man nun diese neuen Bildtvpen der Renaissancekunst
historisch, dann findet man, daß sie el)en darin, worin sie so auffallend
neu sind gegenüber ihren Vorgängern, daß sie eben darin antike
Ausdrucksform neu verwendet haben.
Wir beobachten ferner, daß in der Renaissance Bildmotive auf-
tauchen, die der vorangehenden Zeit nicht geläufig sind : wie die
Klage um den Verstorbenen, die am Grabmal der im
Wochenbett gestorbenen Lucrezia Tornabuoni ^) und des Francesco
Sassetti dargestellt ist. Bei F i 1 i ]) j") i n o L i p p i finden wir die
recht ungewöhnliche Darstellung eines k läge n den A d a m , der die
Augen zum Himmel wendet, an ihn schmiegt sich der kleine Sohn,
im Hintergrund erscheint die Schlange. Diese Totenklagen gehen
bis ins einzelne auf antike Sarkophagbilder zurück, der Adam des
Filippino mit dem Sohn und der Schlange ist ein christianisierter
Laokoon.
Stellen wir lum wiederum unsere Frage : Ijäßt sicli ein Grund-
jirinzip erkennen, nach dem die Auswahl im Vorrat der geprägten
Masse erfolgte? Betrachten wir die Reihe der antiken Ausdrucks-
gebärde, Ausdrucksgestalten und Ausdrucksgrupjjen, die die Re-
naissance aus der Masse des antiken Erbgutes zu neuer Belebung
wieder herausgehoben hat, so können wir ihren einheitlichen jiathe-
tischen Charakter gar nicht übersehen. Orpheus, der von den Weibern
erschlagen wird, der Sieger, der den Feind überwindet, die Toten-
klagen, Salome, die um das Haupt des Johannes tanzt, Daphne auf
der Flucht vor dem Gott, der Niobiden-Pädagoge, Medea, Pentheus —
sie sind Verkörjierungen der Leidenschaft und des Leides, ihre Ge-
bärden in der Kunst Bildsjnnbole für gierige Verfolgung, brutalen
Triumph, für hemmungslose Klage. Pathosformeln sind also die
Bilds^inbole, die die Renaissance aus der Antike nimmt, aus den
Vorprägungen ihrer eigenen Vergangenheit. Wie sich die Fixierung
dieser Pathosformeln innerhalb der Antike beobachten läßt, haben wir
im ersten Teil dieses Vortrags an dem einen Beispiel des Motivs:
Mensch und Tier im Kamjif, zu zeigen versucht.
Ich glaube, daß diese Nachweise auch für den Psychologen
wesentliche Probleme darstellen.
') Vgl. Frieda Schottmüller, Zwei Grabmäler der Eenaissance und ihre
autiken Vorbilder, iu: Rep. für Kunstwissenschaft, Bd. XXV, Heft 6.
Die Ausdrucksgebärden der bildenden Kunst.
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Die Renaissance emptindet die Ausdrucksgebärde der Zeit, die
ilir unmittelbar vorangeht, als ausdrucksarm, und nun greift sie über
ein Jahrtausend hinweg auf die Ausdrucksfornien der Antike zurück ^).
Die gesteigerte Totenklage ist für den Renaissancemenschen die Klage
all' antica.
Es bleibt nun noch die Frage, warum man denn gerade auf die
Ausdrucksform des heidnischen Altertums zurückgegriffen hat.
Wenn die heidnische Antike gerade da zur Hilfe gerufen wird,
wo — im Gegensatz zur frommen Ergebenheit des Mittelalters —
ein pathetisch-dynamischer Ausdruck der persönlichen schmerzbewegten
Leidenschaft gesucht wird, so geht es nicht mehr an, das Verhältnis
der Renaissance zur Antike in der bisher üblichen Weise zu be-
schreiben: als ein bildungsmäßig bewußtes Wiederaufnehmen, ein
historisches Zitieren der stillen Größe klassisch-normativer Vorbilder.
Denn es sind in der Frührenaissance ja gerade die heidnisch-orgiasti-
schen Prägungen und nicht die beruhigte klassische Antike, in denen
die Künstler sich aussprechen. Die Antike ist — wie AV a r b u r g
es formuliert hat — „eine willkommene Anstachlerin für die neuen
Freigelassenen des weltzugewandten Temperaments, die dem um seine
persönliche Freiheit dem Schicksal gegenüber Kämpfenden den Mut zur
Mitteilung des Unaussprechlichen verlieh — colla licenza degli anteriori".
Wenn also diese Künstler gerade von der pathetischen Gewalt
der antiken Vorprägungen ergriffen werden, so kann das Wieder-
auftauchen der Antike nicht aus dem bewußten Bildungswillen der
Renaissance, sondern es muß aus der Natur jener antiken Vor-
prägungen selbst verständlich gemacht werden. Und so wird eine
seelische Naturgeschichte dieser Vorprägungen, dieser Pathosformeln,
selbst ein Desiderat der Kunstgeschichte. Um zu verstehen, warum
die Renaissancekünstler nicht durch vollständig originelle Erfindungen,
') Daß ein solches Suppletivwesen der Gebärdensprache gerade beim Ausdruck
des Gesteigerten überhaupt eintritt, ist nach der Parallele der Sprachwissenschaft
verständlich. Hermann Osthoff (Vom Suppletivwesen der indogermanischen
Sprachen. Akadem. Kede. Heidelberg 1899) hat gezeigt, daß gerade bei den Aus-
drücken der Steigerung sich auch in unseren Sprachen Altertümlichkeiten erhalten
haben, ein Vorgang, den er als Suppletierung bezeichnet. Während primitive
Sprachen eine Fülle von verschiedenen Bezeichnungen auch für ganz nahe ver-
wandte Erscheinungen haben, haben die reifen Sprachen im allgemeinen diese Fülle
reduziert und durch Begriffssystematik ersetzt. Nur — und dem dient eben der
Nachweis Osthof f s — wo es sich um die Steigerung handelt, z. B. bei Adjektiven,
bonus — melior — optimus, da wird die plastische Fülle der primitiven Ausdrucks-
fähigkeit nicht verdrängt, sondern konserviert. Gerade die Verschiedenheit des
Stammes von „gut" und „besser" bezeichnet die Steigerung.
24
F. Saxl.
sondern durch vorgeprägte und schon einmal künstlerisch-geläuterte
Formen ihr Pathos mitteilen, muß klargestellt werden, wieso es mög-
lich ist, daß gewisse künstlerische Typen ihre Durchschlagskraft durch
Jahrhunderte bewahren.
Welche psychologische (lesetzlichkeit, d. h. welche seelische Not-
wendigkeit liegt der historischen Konstanz dieser Prägungen, ihrer
gelegentlichen Restitution — und vor allem ihrer erstmaligen Prägung
in der Antike zugrunde ? Diese ausdruckspsychologische Frage drängt
sich unserer zunächst rein kunstgeschichtliclien Forschung auf: sie
kann nicht mit einem Schlage beantwortet werden, und zu ihrer Be-
antwortung erhoffen wir die Mithilfe der ])sychologischen Forschung.
Sicherlich verdanken diese Prägungen zu einem Teil ihre Wirkungs-
kraft der ausgeglichenen, gehaltenen Umrißklarheit, in der das klassische
Griechentum alle früheren Ausdrucksprägungen zusammenfaßt. Aber
daß ihr Gefühlsgehalt sich dem allgemeinen Empfinden in dieser er-
staunlichen AVeise mitteilen kann, das beruht nach War bürg darauf,
daß noch in der stilvollen Verhaltung des klassisch-antiken Künstler-
tunis der Nachhall jener leidenschaftlichen Hingabe und Erschütterung
zu spüren ist, die in den dionysisch-orgiastischen Kulten die körper-
lichen Ausdrucksbewegungen in unerhörtem Maße entfesselte.
..Die Restitution der Antike'" — so sagt War bürg — „als ein
Ergebnis des neueintretenden historisierenden Tatsachenbewußtseins
und der gewissenhaften künstlerischen Einfühlung zu charakterisieren,
bleibt unzulängliche deskriptive Evolutionslehre, wenn nicht gleichzeitig
der Versuch gemacht wird, in die Tiefe triebhafter Verflochtenheit
des menschlichen Geistes mit der geschichteten Materie hinabzusteigen.
Dort erst gewahrt man das Prägewerk, das die Ausdruckswerte heid-
nischer Ergriffenheit münzt, die dem orgiastischen Urerlebnis ent-
stammen: dem dionysischen Thiasos."
Wenn also in dieser neuartigen Weise die Kunstgeschichte das
Bild als seelischen Ausdruck versteht und sich zu psychologischen
Fragestellungen und zur Inanspruchnahme der ausdruckspsycholo-
gischen Forschung genötigt sieht, so fühlt sie sich doch in einem ge-
wissen methodischen Gegensatz selbst zur modernen Psycho-
logie. Freilich versucht die moderne Psychologie nicht mehr, sich
unmittelbar in die Seele, in das Vorstellungsleben des zu erforschen-
den Subjekts hineinzuversetzen, sondern auch sie geht von seinen
Äußerungen, vom Ausdrucksmäßigen und Bildhaften, vom Symptom
und Symbol aus, um auf diesem mittelbaren Wege das eigentlich
Die Ausdrucksgebärden der bildenden Kunst.
25
Seelische erst zu rekonstruieren. Aber eben gerade gegen dieses
Verfahren, aus dem Geäußerten das Innere abzulesen, von der objek-
tiven Darstellung sofort auf das subjektive Bewußtsein zurückzu-
schließen — gegen dieses Verfahren muß man erklärlicherweise
skeptisch werden, wenn man in der historischen Analyse erkennt, in
wie hohem Maße die individuelle Ausdrucks- und Gebärdenphantasie
von längst vorgeprägten Formen beeindruckt wird — wie sie nicht
unmittelbar ihr eigenes Innere in freier Ausdrucksbewegung ausspricht,
sondern, höchst traditionsbedingt, in der produktiven A u s ei nan d e r-
setzung mit den vo r g ep r ä g t e n Au s d r u c k s f o r m e n stellt:
von ihnen beherrscht wird oder sie ihren eigenen Bedürfnissen
unterwirft.
Eine Psychologie, wie sie unsere Kunst- und Kulturwissenschaft
benötigt, kann also nicht einfach eine Psychologie des Ausdrucks
sein, die Ausdruck und Bild als hxierte, gestaltgewordene Formulie-
rungen des Seelischen interj)retiert, sondern nur eine Psychologie
des Ausdrucks, die den Ausdruck selbst zum Problem nuicht; eine
Psychologie also, die die Prägung und das Fortleben der sozial-ge-
dächtnismäßig aufbewahrten Ausdruckswerte als sinnvolle, quasi geistes-
technische Funktion versteht, und die das Symbol nicht als E n d -
I)rodukt der seelischen Energie wertet, sondern es innerhalb des
psychophysischen Prozesses sieht und die Bedeutung auch gerade der
Rückwirkung des Symbols auf das psychische Leben klar stellt.
Ob die gegenwärtige Psychologie hierin ein sinnvolles Problem
sehen kann und wie sie über dessen Lösungsmögliclikeiten denkt:
darüber möchten wir uns gern in der Diskussion belehren lassen.
Verlag von Gimtav Fischer in Jena
Quellen und Studien zur Jugendkunde
Heiausnesieben von Prof. Dr. Charlotte Bühler, Wien
Heft 1: Zwei Mädchentagebücher. Herausgegeben von riiarlotte
Biihler, Wien. Zweite Auflage. X, 145 S. gr. 8" 1927 Rmk 6.—
H e f t 2 : Die Sprache der Jugend als Ausdruck der Entwicklungs-
rhyfhmik. .Sprachstatistische Untersuchnngen. Von Ur. A. Buseniann,
Seminar-Studienrat in Einbeck. X, 98 S. gr. 8" 1925 Kmk 3.—
Heft 3: Zwei Knabentagebücher. Herausgegeben von Dr. Charlotte
Bühl er. Mit einer Einleitung: Die Bedeutung des Tagebuchs für die
Jugendpsychologie. XIV, 169 S. gr. 8" 1925 Rmk 5.50
H-eft 4: Soziales Verhalten pubertierender Mädchen. Von Hildegard
Hetzer und Lucia Vecerka. Mit 13 Abbildungen und 15 Kurven im Text.
VII, 121 S. gr. 8" 1926 _ Rmk 6.—
Heft 5: Soziologische und psychologische Studien über das erste
Lebensjahr. Von Charlotte Bühler, H i 1 d e gar d H e t z e r , Beatrix
Tudor-Hart. Mit 43 Abbildungen im Text und 3 Tafeln. XII, 250 S. gr. 8"
1927 Rmk 13.—
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Wink 1er- Hermaden. VI, 126 S. gr. 8" 1927 Rmk 6.—
Heft 7: Kind und Schaffen. Experimente über konstruktive Betätigungen
im Kleinkindalter. Von Dr. Hildegard Hetzer, Wien. Mit 20 Abbild, im
Text nacli photographischen Aufnahmen von Ludwig Koller und 1 Kurvenbild.
VIII, 108 8. gr. 8" 1931 Rmk 6.—
Heft 8: Jugend und Beruf. Kritik und Material, herausgegeben von Paul
¥. Lazarsfeld. Mit 7 Abbild, im Text. V, 206 S. gr. 8» 1931 Rmk 10.—
Inhalt: I. Die Ergebnisse und die Aussichten der Untersuchungen über
Jugend und Beruf. Von Faul Lazarsfeld. 2. Berufswünsche drei- bis zehn-
jähriger Kinder. Von M. Krank und Hildegard Hetzer. 3. Berufswünsche und
Berufseinstellung von 12- bis 14 jährigen Volksschülern. Von Karl R e i n i n g e r.
4. Berufswünsche der Jugend in Krakau (Polen). Von Bronisl. Biegeleisen.
3. Der Einfluß von Begabung und sozialem Milieu auf die Zukunftswünsche junger
Mädchen. Von Hildegard Hetzer. 6. Zur Berufseinstellung des jugendlichen
Arbeiters. Von Paul Lazarsfeld. 7. Die Berufswahl der Wiener Abiturienten
1927 — 1930. Von Paul Lazarsfeld und Lotte Radermarhcr. 8. Zum Berufs-
problem der Frau. Von Charlotte Hühl er.
Heft 9: Jugendtagebuch und Lebenslauf. Zwei Mäddientagebüdier.
Mit einer Einleitung herausgegeben von Prof. Dr. Charl. Hü hl er. V, 262 S.
gr. 8» 1932 Rmk 10.—
— Die Sammlung wird fortgesetzt. —
Auf Grund der vierten Xotverordnung ermäßigen
stell die Preise für Heft 1 — >^ um 10^\q
Verlag von Gustav Fischer in Jena
Die Empfindungszeit. Ein Beitrag zur Lehre von der Zeit-. Raum- und
Bewegungsempfindung. Von Friedrich W. Fröhlich, o. Prof. der Physiologie
und Direktor des physiologischen Instituts der Universität Rostock. Mit 58 Ab-
bildungen im Text und 6 Tafeln (davon 3 farbig). X, 366 S. gr. 8» 1929
Rmk 22.—, geb. 24.—*)
Inhalt; i. Einleitung. / 2. Die Entwicklung der Frage nach der Empfindungszeit.
3. Die Methoden der Empfindungszeitmessung. / 4. Die Methoden zur Messung der Emp-
findungsdauer und des zeitlichen Verlaufes der Empfindung. / 5. Die Größe der Emp-
findungszeit und der zeitliche Verlauf der Empfindung: a) Die persönliche Gleichung und
ihre Konstanz, b) Die Abhängigkeit der E.-Z. von der Aufmerksamkeit. Uebung und Er-
müdung, c) Der Einfluß der Netzhautstelle und des Adaptationszustandes auf die E.-Z.
d) Die E.-Z. bei monokularer und binokularer Beobachtung, e) Die E.-Z. des farben-
blinden Auges, f) Abhängigkeit der E.-Z. von der Reizintensität, g) Die Abhängigkeit
der E.-Z. vom zeitlichen Verlauf des Reizes, h) Der Einfluß der Farbe, Helligkeit und
Sättigung auf die E.-Z. k) Der Einfluß der Untersuchungsmethode auf die Größe der E.-Z.
1) Der Einfluß toxischer Einwirkungen und Erkrankungen des Nervensystems. / 6- Der
zeitliche Verlauf der periodischen Nachbilder. / 7. Die Empfindungszeit des Gehörsinnes. /
8. Die Empfindungszeit des Tastsinnes. / 9. Die Teilzeiten der E.-Z. / 10. Die Beziehung
zwischen E.-Z. und Reaktionszeit. / 11. Die Verschmelzung von Lichtreizen. / 12. Die Be-
wegungsempfindung und das stroboskobische Sehen. / 13. Die Entstehung der geometrisch-
optischen Täuschungen. 14. Die physiologischen Grundlagen der Mannigfaltigkeit der
Empfindungen. ' 15. Beziehungen der E.-Z. zur Zeit-Raumempfindung. — Literaturverzeichnis.
Sach- und Autorenregister.
Grundzüge einer Lehre vom Lidit- und Farbensinn. Ein Beitrag
zur allgemeinen Physiologie der Sinne. Von Prof. Dr. Friedrich W. Fröhlich.
Priv.-Doz. der Physiologie an der Universität Bonn. Mit 20 Abbildungen im
Text und 2 Kurventafeln. VIII, 86 S. gr. 8» 1921 Rmk 2.50*)
Inhalt: i. Einleitung. / 2. Theorien der Licht- und F'arbenwahrnehmung. / 3. Die
objektiv nachweisbaren Lichtwirkungen: Die physikalischen Eigenschaften des Lichtes.
Die biologischen Wirkungen des Lichtes. Die Wirkungen des Lichtes auf das Auge.
Die mit der Licht wiikuiig eiiiliergchenden Vorgänge Im Zentralnervensystem. / 4. Die sub-
jektiv nachweisbaren Lichtwirkungen: Die Licht- und Farbenempfindungen. Die Nach-
bilder. Kontrast und Irradiation. Die Adaptation. Die Umstimmung. Die Farbenblindheit.
5. Die Theorie des Licht- und Farbensinnes. — Autorenregister.
Das Farbenhören und der synästhetisdie Faktor der Wahrnehmung.
Von Aniielies Argelander, Privatdozent der Psychologie an der Universität Jena.
Mit 14 Kurven im Text. VII, 172 8. gr. 8» 1927 Rmk 8.—*)
Inhalt: Einleitung. — I. Die bisherigen Untersuchungsmethoden. II. Die Me-
thodik der Zuordnungsversuche. III. Das Ostwaldsche Farbensystem. IV. Die Ergebnisse
der Zuordnungsversuche. V. Die Uebereinstimmung der Zuordnungsergebnisse mit den
Erscheinungen des Farbenhörens. VI. Theorien des Farbenhörens. VII. Die Wahr-
nehmungsanalogien. VIII. Die Bedingungen für das Auftreten von audition colorce. —
Literaturverzeichnis.
Die Sinnesempfindungen in Ilias und Odyssee. Von Prof. Dr. med.,
Dr. phil. h. c. Otto Körner, Rostock. („Jenaer medizin.-historische Beiträge."
Hrsg. von Prof. Dr. Th. Meyer- Stein eg. Heft 15.) V, 62 S. gr. 8» 1932
Rmk 3. —
Die Entwidmung des Sehens. Von Dr. med. Walther Löhlein, 0. Prof.
d. Augenheilkunde zu Jena. („Jenaer akademische Reden." Heft 13.) 30 S.
gr. 8« 1931 Rmk 1.80
Die Ersdteinungsweisen der Farben. Von Karl Bühler, o. Prof. d.
Philos. a. d. Univers. Wien. („Handb. d. Psychologie." Bd. I, 1.) Mit 15 Ab-
bildungen im Text. X, 211 S. gr. 1922 Rmk 5.—*)
*) auf Grund der vierten Notverordnung abzügl. 10°,„
iiit ÜMbS MÜNDAY JULY 6 1964
Obituary
PROF. GERTRIjL
BING
rm WARBÜIRG . i
INSTITUTE
Professor Gertrud Bing, who died on
Fridav aftcr a bricf illncss, was the
an;m.!tiiig spirit of thc Warburg insli-
tuic vvhich .she had servod wita single-
iniiidod dcvcriion for morc than 10 years.
She was thc institutc's dircctor fiom 1955
to 1959.
Born in Hamburg on June 7, 1892, she
first turncd lo school tcachin« ind then
read i>hiio>pr>hy and German liuralurc at
ihr. ünivcrsities of Munich and Hamburg,
wbcrc Emst Cassirer was a ormative
inlUicncc. AI the iigc of 30 she joincd the
Kiiltiirw hsciisr.luiflliclu- ßihlinth 'k IVtir-
huif! as a übrarian and found hci vocalion
in this rieh and growing coilcction of books.
Whcn Aby WaPburg had return :d to hi»
instilutc after a long ühicss she bccamo
bis as-,istan1 in 1927, and these y. ars whcn
the agin,? Scholar initiatcd his hclpniatc
inlo his Ricas and rwearchcs wer; de-cisive
fo:- her iifc. She accompanicd V.';,rbiirg on
bii. Ii'.=vt journcys to Fiorence ard Romo,
wherc she acquiicd that undcrst; nduic ot
Ibinus luUian which was always ai-precuued
,by her ftaiian iricnds. After XVarbing's
deatb in 192') she becainc hi' literary
fxeciitor, and thc lv,-o volunu s of his
Cn'xammeUv Schiificn richly annotaied and
suppic.mciilcd by her arc a monjmcnt U>
her sclfa'fTacirig diseiplchip. A.ssist.mt
Dircctor of thc Institute undcr F-i it/. Saxl s
rdministration, she rcnrescntcd th; cicmcnt
of continuity in its mullifarious activilics.
Düring the dark years of Naz sni wiien
thc institutc and its stalT four«d rcfugc m
i;ng!and, Gertrud Bing rcvcaied nüraculous
re-.erves of strength and human v/.Mmth. An
cv^r increasing stream of homjlcss and
bewikiercd scholars and rcfugecs soiight
her advicc. and few can have lefl ber üttle
ofiice in the makeshift rooni; of thc
expatriate library withoiit havinf rcccived
com fort and solid help.
Whcn in 1944 the institute was incorpor-
atod m the University of London, die chcer-
fully shouldered the burdens of a lmmi.Ura-
tion and publie relations. thus frceing fnlc
Saxl and latcr Henri Fraakfort for thcir
tcadiing and rescarch ihat meant so mueh
to ber What she achieved and also wliat
WC niisscd through her sacntice jiiay
pcrhaps bc gatiiered from her biographical
essav on Fritz Saxl (in the vo'.umc ot
Mcn'iorial F^ssavs cditcd by D. J. Gordon),
a rare gcm of litcrary portraiture thai
di.i-lavs both her grasp of iutelloctuaj
hi-'oiv and her gifts of psy Aological
inlirtion It makcs one moum th: fact tbat
apart from a memorial address givcn in
Hamburg and published in Ital/ she did
not compiete her w'ork on Aby Waiburg.
on which she had bcen engaged durmg hcij
last vears. Her years ?-s Dircctor and
Professor of thc Histon' o( the Ciassical
Tradition (I '555-59) coincided wilh the
Institule's movc to its permanent quarters
in Vii'oburn Square that consohdated her
lifs work. ' e
Throughout thc^ years coliearuies from
the most diverse ficlds turned to her for
brlp with thcir work ; she read thcir books
ar.d papei-s in draft stagcs. advisod and
criticired, always with an eye for thc essen-
tial and with a genius for .synnpi tny. Her
accuracv, her scnse of style and her
Patience madc iKr the ideal e lilor and
Ihcrc can be few publicatons of thc War-
burg Institutc and by its frici;ds which
do not owe a substantial dcbt to her intcr-
vcntions. Biit invaluablc as verc these
tnngiblc contributions, such as ber edition
or Fritz Saxl's LecUircs. they wcre far
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uuqucstioning faith in thc vafuc or
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GETTY CENTER LIBRARY
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